Terror gegen Schiiten in Pakistan
Von Hassan Al-Askari
Vergangenen Freitag fanden sich schiitische Gläubige nahe Islamabad zum Gebet in der Khadidscha-Al-Kubra-Moschee zusammen, als sich ein Selbstmordattentäter näherte. Sicherheitskräfte versuchten noch, ihn vor dem Gebetshaus im Vorort Tarlai Kalan aufzuhalten, aber sie wurden von dem Attentäter erschossen, wie ein Polizeisprecher unter Berufung auf Augenzeugen sagte. Im Inneren der Moschee betätigte er dann einen Sprengstoffgürtel, riss 32 Gläubige in den Tod und verletzte mehr als 170. Rettungskräfte eilten mit den Schwerverletzten zu den nahegelegenen Krankenhäusern. In einer Klinik in Islamabad wurde sogar der Notstand ausgerufen, wie die pakistanische Zeitung Dawn berichtete. Der Zeitung zufolge stieg die Opferzahl am Montag auf 38, weitere Opfer befinden sich immer noch in kritischem Zustand.
Zehntausende Menschen kamen zu den Beerdigungen der Opfer, die unter strengen Sicherheitsvorkehrungen abgehalten wurden. Zahlreiche Besucher nahmen am Totengebet teil, welches Muslime traditionell auf Friedhöfen abhalten. Ein Totengebet wurde sogar nahe den Überbleibseln der Moschee verrichtet. Den Trauernden schlossen sich Politiker wie der Oppositionsführer Raja Nasir an. In seiner Ansprache betonte der Schiite, dass der Anschlag nicht zur Spaltung zwischen den beiden Konfessionen führen dürfe. Im ganzen Land kam es zu Trauermärschen und Mahnwachen, auch im umkämpften Territorium Jammu und Kaschmir, wo die Mehrheit der Muslime Sunniten sind, fand ein Protestmarsch statt. Die Teilnehmer bekundeten ihr Beileid und betonten, dass die Regierung dafür verantwortlich sei, die schiitische Gemeinschaft ausreichend zu schützen.
Auf Telegram bekannte sich der pakistanische Ableger der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) zur Tat, indem er ein Foto des bewaffneten Attentäters veröffentlichte. Bei einem Militäreinsatz nahe der afghanischen Grenze am darauffolgenden Sonnabend nahmen pakistanische Sicherheitskräfte vier Verdächtige, die das Attentat mutmaßlich geplant hatten, in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa fest. Der Drahtzieher sei afghanischer Staatsbürger, und laut Innenminister Mohsin Naqvi absolvierte er sein Training in seinem Heimatland. Dawn zitierte den Innenminister mit der Behauptung, dass das IS-Netzwerk in Pakistan nach der großflächigen Operation besiegt worden sei. Jedoch gebe es 21 weitere Terrorgruppen, die von Afghanistan aus operieren und wie Söldner agieren. Ihre Treue gelte dem, der ihnen das meiste Geld biete. Naqvi erhebt auch schwere Vorwürfe gegen Indien. Angeblich soll das Nachbarland die Terrorgruppen finanzieren, damit sie als Proxy die regionale Gegenmacht Pakistan destabilisieren.
Sowohl die Regierungen von Indien als auch von Afghanistan bestritten, in den Terrorakt involviert zu sein. Pakistans Präsident Asif Ali Zardari sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus und mahnte, dass die nationale Sicherheit bedroht sei. Die Verantwortung liege bei den Taliban – Zardari wirft ihnen vor, extremistischen Gruppierungen Handlungsraum zu gewähren, den diese zum Anwerben und Trainieren von Mitgliedern nutzen. Dazu zählen der IS, aber auch die TTP, der pakistanische Ableger der Taliban. Obwohl die Machthaber in Kabul sich von den pakistanischen Taliban distanzieren und die Gruppe selbständig agiert, wirft Islamabad ihnen vor, den Einfluss der Terrorzelle nicht zu unterbinden.
Auch die TTP verübt regelmäßig Terrorakte auf Schiiten. In den vergangenen Jahren kam es vermehrt zu vorsätzlichen Attentaten gegen die Glaubensgemeinschaft im ganzen Land, besonders in Parachinar, aber auch in anderen Regionen war sie konfessioneller Gewalt ausgesetzt. Die religiöse Minderheit stellt 20 Prozent der Bevölkerung, ihr gehören 40 Millionen Menschen an. Obwohl sie eine der größten schiitischen Gemeinden weltweit ist, versuchen Extremisten, sie zu entwurzeln. Die Verfassung garantiert zwar die Gleichheit aller Bürger, dennoch bleibt die Sicherheitslage für Schiiten angespannt.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Saeed Ali Achakzai/REUTERS14.10.2025Alter Grenzkonflikt eskaliert
Baz Ratner/REUTERS12.09.2023»Krieg gegen den Terror« und kein Ende
Fayaz Aziz/REUTERS02.02.2023Terror zurück
Regio:
Mehr aus: Ausland
-
Ohne Kommentar
vom 12.02.2026 -
Warum warnen Sie vor dem EU-Sondergipfel?
vom 12.02.2026 -
Zu wenig, zu spät
vom 12.02.2026 -
Neue Protestwelle in Albanien
vom 12.02.2026 -
Friedenstruppe muss gehen
vom 12.02.2026 -
Ankara zeigt Präsenz
vom 12.02.2026