Überlebenstricksereien
Von Reinhard Lauterbach
Was die Financial Times am Dienstag meldete, schien auf den ersten Blick sensationell: Der ukrainische Staatspräsident Wolodimir Selenskij wolle am Jahrestag des offenen Kriegsbeginns, dem 24. Februar, Neuwahlen für die Präsidentschaft und gleichzeitig ein Referendum verkünden. Ein Referendum, das die ukrainische Verfassung für den Fall einer Veränderung des Staatsgebiets verlangt, die bei einer eventuellen Abtretung des Donbass an Russland erfolgen würde.
Auf den zweiten Blick ist die Ankündigung weit weniger beeindruckend. Was sich die Financial Times in Kiew hat erzählen lassen, dürfte zwei Wochen vor dem eventuellen Termin in erster Linie ein Testballon sein: Wie reagiert die ukrainische Öffentlichkeit auf diese Idee und wie die US-Administration? Denn Selenskijs Ankündigung steht von Anfang an unter einer einschränkenden Bedingung: Es müsse zuvor ein Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinie vereinbart werden, der für die ganze Dauer des mutmaßlichen Wahlkampfes halten müsse, weil sonst die Wahl nicht »sicher durchführbar« sei. Wer soll die Urnen an die Front fahren, wo sollen die aus den unmittelbaren Kriegsgebieten geflohenen Ukrainerinnen und Ukrainer abstimmen, zumal diejenigen, die sich im Ausland aufhalten? Vor allem aber hat Russland mehrfach signalisiert, dass es dem von Selenskij skizzierten Szenario nicht zustimmt. Genau darauf scheint der ukrainische Präsident zu bauen: den Schwarzen Peter an die russische Seite weiterzureichen und damit für sich Zeit zu gewinnen. Unseriös und durchsichtig ist noch das mindeste, was man dazu sagen kann.
Zumal Wahlen nach dem von Selenskij skizzierten Szenario kaum fair sein können. Die extrem kurze Vorbereitungszeit würde die Partei der Macht mit ihren »administrativen Ressourcen« begünstigen; eine hypothetische »Partei des Friedens« müsste erst einmal wieder aufgebaut werden, nachdem alle Ansätze dafür nach Kriegsbeginn zerschlagen worden sind. Sie stünde zweitens wegen des auch während des Wahlkampfes anhaltenden Kriegsrechts, das alle Werbung für Zugeständnisse an Russland unter den Verdacht des Landesverrats stellt, stets mit anderthalb Beinen im Gefängnis. Zu alledem hätte Selenskij die Chance, die Präsidentenwahl faktisch zu einem zweiten Referendum zu machen: nicht über irgendeinen Friedensplan, sondern über seine eigene Bilanz als Möchtegern-Churchill. Er spekuliert auf den »Zusammenschluss unter der Fahne«, der jede ehrliche Aufarbeitung der militärischen Misserfolge, Fehlkalkulationen und Korruptionsvorwürfe überdecken soll. Dass der ukrainische Präsident von den korrupten Aktivitäten seiner Umgebung nichts gewusst und nicht von ihnen profitiert haben soll, glaubt ihm keiner, der das Land kennt. Kein Wunder, dass die ukrainischen Antikorruptionsaktivisten von Selenskijs überstürzten Neuwahlen nichts halten.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (12. Februar 2026 um 09:41 Uhr)Wer einen Friedensvertrag mit Moskau unterzeichnet, braucht zuvor demokratische Legitimation. Deshalb müsste gelten: erst Wahlen, dann Frieden. Doch ohne territoriale Zugeständnisse wird es keinen Kompromiss geben – und jeder Politiker, der sie akzeptiert, unterschreibt damit wahrscheinlich sein politisches Todesurteil. Ein perfekter Teufelskreis. Für eine rasche Lösung fehlt jede realistische Perspektive. Vor dem 250. Jubiläum der Vereinigten Staaten, das Trump politisch zu instrumentalisieren versucht, ist ein Frieden in der Ukraine kaum denkbar. Die Kämpfe werden mindestens bis zu den Zwischenwahlen im November weitergehen – und ein demokratischer Wahlsieg dürfte die Chancen auf eine Einigung eher verringern als erhöhen. Ein innenpolitisch geschwächter US-Präsident hat weder die Autorität noch den Handlungsspielraum für schmerzhafte außenpolitische Kompromisse. Die ernüchternde Konsequenz: Ein baldiger Frieden ist nicht in Sicht.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (12. Februar 2026 um 01:07 Uhr)Zu ihrem 17. Geburtstag haben wir unserer Tochter auch Schopenhauers (1788–1860) Eristische Dialektik geschenkt. (Göttin Eris mal erforschen.) Arthur Schopenhauers »Kunstgriffe« sind seit mehr als 150 Jahren tradierte elitäre Herabwürdigungen der sich selbst überschätzenden Gestalten. So Kunstgriff 17: »Wenn der Gegner uns durch einen Gegenbeweis bedrängt, so werden wir uns oft retten können durch eine Unterscheidung, an die wir früher freilich nicht gedacht haben, wenn die Sache irgendeine doppelte Bedeutung oder einen doppelten Fall zulässt.« Ernüchternd bei Schopenhauer der letzte (= 37.) Kunstgriff als Geständnis: »Wenn man merkt, dass der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob.« Und so weiter. Wie auch immer: Die Eristische Dialektik macht Laune, auch wenn sie nur jede Menge dummes Zeug/Geschwätz enttarnt. Wie nebenbei Lars Klingbeil: »Ich als Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler«, der wohl nie das Grundgesetz gelesen hat?
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (11. Februar 2026 um 21:00 Uhr)Da habe ich doch vorhin mit einem halben Ohr aus dem ÖRR erlauscht, dass für Wahlen in der Ukraine die Verfassung geändert werden müsste. Waren da die gleichen Wahlen wie die im Artikel beschriebenen gemeint? Na ja, wie Verfassungsänderung geht, kann man sich an Deutschland anschauen.
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