Türkenfeind des Tages: DNA-Test
Von Emre Şahin
»Jedem einigermaßen aufmerksamen (Türkei-)Reisenden«, sagte der französische Historiker Étienne Copeaux, »dürfte die Vorsilbe öz- (rein, authentisch) auffallen, die oft an dem Wort Türk klebt, so als müsse die Identität doppelt bekräftigt werden. Ist das nicht gerade ein Indiz dafür, dass verschleiert werden soll, was nicht türkisch ist?«
Die fragile Identität der Menschen, die sich als »türkisch« betrachten, wird dieser Tage erneut erschüttert. Schuld sind Leute, die wie Flummis jeden Social-Media-Trend mitmachen müssen und neuerdings DNA-Tests für sich entdeckt haben, live ihre Ergebnisse teilen, um dann ein künstlich emotionales Zu-sich-finden vor der Kamera zu durchleben.
Videos türkischer Nutzer gehen aktuell viral, weil sie überproportional oft Heulkrämpfe beinhalten: Ihre Testergebnisse weisen die DNA aller Nachbarstaaten und -völker auf – auch die der verhassten Armenier, Griechen und Kurden – nur »türkisch« sucht man vergeblich. Ja, warum nur? Die Türkei ist aus einem Vielvölkerstaat hervorgegangen und machte alle (zwangs-)islamisierten Menschen über Nacht zu »Türken«, einschließlich der Kurden (»Bergtürken«). Klingt wie eine Erfindung.
Vielleicht erklärt sich dann auch, warum das Geburtshaus des Staatsgründers außerhalb des Landes liegt, die bekannteste Moschee einen griechischen Namen trägt oder »Nationalgerichte« selten aus türkischen Begriffen bestehen. Die Wolfsmythologie? Kopie der Geschichte Roms. Die Faschohymne »Ölürüm Türkiyem« (Ich sterbe für meine Türkei)? Die Melodie des kurdischen Songs »Dayê« von Koma Denge Qamışlo.
Achso. Der DNA-Trend ist übrigens immer mit dem gleichen Song unterlegt, »Deslocado« von Napa. Die Lyrics lauten: »Ich habe nie in diese Stadt gehört (…), Mutter, schau aus dem Fenster, ich komme nach Hause (…) weil ich aus der Ferne kam.«
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