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Aus: Ausgabe vom 11.02.2026, Seite 6 / Ausland
Konflikt in Osteuropa

FSB meldet Erfolg

Russland: Zwei von drei mutmaßlichen Attentätern auf Geheimdienstgeneral inhaftiert. Spuren führen in die Ukraine
Von Reinhard Lauterbach
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General Alexejew war auch für die Eingliederung der Milizen im Donbass in die Armee zuständig (o. O., 14.6.2023)

Schon zwei Tage nach dem Anschlag auf den russischen Geheimdienstgeneral Wladimir Alexejew haben die russischen Behörden nach eigenen Angaben den unmittelbaren Attentäter und einen seiner Mittäter festgenommen. Am Sonntag verbreitete der Geheimdienst FSB die Meldung, dass der Haupttäter der aus dem westukrainischen Ternopil stammende 65jährige Ljubomir Korba gewesen sei. Er sei im Sommer 2025 vom ukrainischen Geheimdienst – angeblich unter Vermittlung seines in Polen lebenden Sohnes – für die Aufgabe angeworben worden und habe anschließend bei Kiew eine Schießausbildung erhalten. Korba sei im Dezember nach Moskau gekommen, er besaß neben der ukrainischen auch die russische Staatsangehörigkeit. Zunächst habe er den Wohnort der Zielperson ausgekundschaftet. Dabei hätten ihn der ebenfalls festgenommene 66jährige Russe Wiktor Wassin und die aus dem ukrainischen Gebiet Lugansk stammende 54jährige Sinaida Serebrizkaja geholfen. Letztere habe in demselben Haus gelebt wie das Anschlagsopfer und dem Attentäter den Code für die Schließanlage zukommen lassen. Korba wurde durch die Überwachungskamera im Treppenhaus des Generals identifiziert und später beim Besteigen eines Flugzeugs nach Dubai gefilmt. Dort erwarteten ihn bereits russische Agenten. Die Frau ist nach in Moskau verbreiteten Angaben inzwischen in die Ukraine geflohen. Wassin sei ein »entfernter Bekannter« des Attentäters gewesen. Wie Serebrizkaja in die mutmaßliche Terrorzelle hineingeriet, wurde nicht dargestellt.

Unabhängige Bestätigungen für alle diese Details sind nicht zu bekommen; auch der US-Sender Radio Liberty fand in einer halbstündigen Sendung vom Sonntag nichts, was die offizielle Darstellung grundsätzlich in Frage gestellt hätte – außer der Bemerkung, dass Ljubomir Korba sich als »dilettantischer Killer« erwiesen habe, indem er vergaß, dem am Boden liegenden General noch einen »Fangschuss« zu verpassen, und dem Einwand, dass das Attentat auf Alexejew der Ukraine im Zusammenhang mit den Verhandlungen mit Russland und den USA »eigentlich nicht in den Kram gepasst« habe. Dabei ließen die berufsmäßigen antirussischen Enthüller aus Prag ein vielleicht nicht ganz unwesentliches Detail außer acht: Die Angaben zum Mittäter Wiktor Wassin enthielten für den im Mittelpunkt stehenden Anschlag eigentlich unwesentliche Angaben dazu, dass Wassin ein Anhänger des von Alexej Nawalny gegründeten »Fonds zur Korruptionsbekämpfung« gewesen sei und sich auch für den inhaftierten linken Oppositionellen Sergej Udalzow eingesetzt habe. Auch das ist nicht bewiesen. Desto mehr stellt sich die Frage, warum der FSB diese Marginalien in seine Pressemitteilung aufgenommen hat.

Vielleicht deshalb, weil die Frage der politischen Sympathien des mutmaßlichen Helfershelfers Wiktor Wassin aus Sicht des russischen Geheimdienstes so nebensächlich gar nicht ist. Denn Udalzow ist – nachdem er schon in den 2010er Jahren eine mehrjährige Haftstrafe wegen angeblicher »Rädelsführerschaft bei Massenunruhen« abgesessen hat, im Dezember 2025 erneut zu sechs Jahren Haft verurteilt worden – diesmal als angeblicher »Unterstützer des Terrorismus«. Dabei soll die Unterstützung darin bestanden haben, dass er die russische und die internationale Öffentlichkeit über das Gerichtsverfahren gegen fünf Mitglieder eines marxistischen Studienzirkels aus Ufa im Uralgebiet informiert hat. Die Behauptung des FSB, ein Sympathisant Udalzows habe mit einem dem ukrainischen Geheimdienst zugeschriebenen Attentat zu tun gehabt – wenn auch wohl nur in der ziemlich indirekten Form, dass er dem Hauptattentäter Fahrkarten gekauft haben soll –, lässt sich natürlich zu einer Druckkampagne gegen linke Oppositionelle in Russland ausbauen. Dass sich die russische Führung offenkundig vor einem Aufleben marxistischer Sympathien fürchtet, lässt sich aus dem Prozess gegen die jungen Marxisten aus Ufa herauslesen. Die Anklage unterstellt ihnen, sie hätten sich durch die gemeinsame Lektüre von Lenins »Staat und Revolution« auf eine »revolutionäre Machtergreifung« in Russland vorbereiten wollen – ein ziemlich weit hergeholter Vorwurf. Der Prozess kam durch die Denunziation eines Provokateurs zustande.

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