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Aus: Ausgabe vom 09.02.2026, Seite 1 / Titel
Ukraine-Krieg

Vier Stunden Strom täglich

Nach russischem Angriff auf das ukrainische Energienetz gibt es morgens und abends je zwei Stunden Elektrizität. AKWs müssen heruntergefahren werden
Von Reinhard Lauterbach
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Der Tag danach: Die Folgen eines russischen Angriffs auf das Wärmekraftwerk in Darnizja (4.2.2026)

Russland hat in der Nacht zum Sonnabend erneut die Elektrizitätsversorgung der Ukraine angegriffen. Dabei wurden nach ukrainischen Angaben insbesondere die ausgehenden Leitungen von zwei AKWs in den Bezirken Riwne und Chmelnizkij sowie das größte Umspannwerk Europas im Gebiet Lwiw getroffen. Das bedeutet, dass die AKWs, die rein technisch gesehen unversehrt sind, vorsichtshalber ihre Leistung herunterfahren mussten, damit sie sich nicht überhitzen. Allein der Angriff vom Wochenende hat die Ukraine nach Angaben dortiger Energieexperten 2,7 Gigawatt Stromerzeugungskapazität gekostet – das sind etwa 15 Prozent des täglichen Gesamtverbrauchs. Nur ein Zehntel davon konnte kurzfristig durch Stromimporte aus Polen ausgeglichen werden. Als Folge wurden auch in der Hauptstadt Kiew Notabschaltungen des Stroms angeordnet – die Bewohner hatten laut der Webseite des Versorgers DTEK an diesem Wochenende morgens zwei und abends anderthalb Stunden Strom.

Russische Medien stellten den heftigen Angriff als Vergeltung für den der Ukraine zugeschriebenen Anschlag auf den stellvertretenden Chef des Militärgeheimdienstes GRU, Wladimir Alexejew, vom Freitag dar. Der Generalleutnant war in Moskau von einem Unbekannten in den Rücken geschossen und schwer verletzt worden. Nach russischen Angaben vom Sonntag soll er inzwischen außer Lebensgefahr sein. Der mutmaßliche Täter wurde nach russischen Angaben inzwischen in Dubai festgenommen, ein Komplize in Moskau. Eine dritte Tatverdächtige sei in die Ukraine geflohen. Die ukrainische Regierung bestritt jede Verwicklung in den Anschlag; ein zumindest indirektes Bekenntnis und einen Hinweis auf ein mögliches Motiv lieferte dagegen die faschistische »Asow«-Bewegung. Ihr Führer Denis Prokopenko schrieb, Alexejew sei 2022 für die Folterung von »Asow«-Kämpfern verantwortlich gewesen, die sich in Mariupol den russischen Belagerern ergeben hätten.

Unterdessen meldeten angelsächsische Medien, dass sich US- und russische Militärs am Rande der Ukraine-Verhandlungen in Abu Dhabi darauf geeinigt hätten, den am vergangenen Donnerstag ausgelaufenen Start-3-Vertrag zur Begrenzung angriffsfähiger Atomraketen zumindest vorläufig weiter einzuhalten. Eine formale Vereinbarung stehe aber noch aus, schrieb das US-Portal Axios. Die Agentur Reuters dagegen berichtete unter Berufung auf mehrere »mit den Vorgängen vertraute« Personen auf westlicher Seite, dass die USA sich das Ziel gesetzt hätten, bis zum März einen Waffenstillstand in der Ukraine zu erreichen und anschließend im Mai Neuwahlen und ein Referendum über mögliche Friedensbedingungen wie die Abtretung des Donbass an Russland abzuhalten. US-Präsident Donald Trump wolle so einen vorzeigbaren Erfolg für den im Sommer anlaufenden Wahlkampf zu den Zwischenwahlen zum Kongress erzielen.

Russland hat derweil signalisiert, dass es an seinen politischen Kriegszielen gegenüber der Ukraine im Kern festhält. Außenminister Sergej Lawrow sagte in einem Interview des Staatssenders RT, Russland wolle die Ukraine »nicht unbedingt« besetzen oder ihre staatliche Existenz beenden. Eine »dauerhafte und gegenüber Russland wohlwollend neutrale« Nachbarschaft reiche Moskau aus. Russische Experten wie der kremlnahe Politologe Bogdan Bespalko kommentierten das als diplomatische Formulierung dafür, dass eine derartige Ukraine ohne einen Regimewechsel in Kiew auf Dauer nicht möglich wäre.

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