Rotlicht: Äquivalententausch
Von Barbara Eder
In der Antike wurden am Marktplatz der Meinungen Argumente ausgetauscht, als ob sie sich im Wettstreit gegeneinander abwägen ließen. Was sind deine Worte wert, was meine? Der sokratische Dialog ist die Urszene dieses Tauschgeschäfts: Vermeintliches Wissen wird gegen wahres Nichtwissen gehandelt. Historisch findet diese philosophische Fingerübung in derselben Epoche statt wie die Erfindung des Münzgelds. In den Talkshows dieser Tage findet sie nur noch als verbale Entgleisung jenseits der Primetime statt.
Die Entstehung abstrakter Denkkategorien – darunter Identität, Gleichheit und Maß – korreliert mit der Möglichkeit, Ungleiches über ein Drittes in Beziehung zueinander zu setzen. Symbolisiert durch geprägtes Metall oder Naturgegenstände wie Kaurimuscheln, sorgen diese Medien des Austauschs für die vermeintliche Gleichwertigkeit des Getauschten. Dabei geht es um nicht weniger als die Koinzidenz von reinem Geist und barer Münze. Als Denkkategorie setzt die Äquivalenzrelation formale Gleichheit voraus: Ein Rock = zehn Ellen Leinwand? Ist dem tatsächlich so?
Rock und Leinwand sind einander nicht Jacke wie Hose – und doch scheint diese Gleichsetzung bis heute zu funktionieren. Was dabei ausgeblendet wird, ist der Prozess lebendiger Arbeit. Die Illusion hält sich dennoch. Dem Äquivalententausch gilt Getauschtes selbst dann als gleichwertig, wenn es nicht miteinander vergleichbar ist. Besonders deutlich zeigt sich dies im Fall der Ware Arbeitskraft. Sie soll gegen Geld dasselbe sein wie die Brötchen, die sie hervorbringt. Wie aber kann Profit entstehen, wenn doch nur Äquivalente getauscht werden? Wie kann sich eine Geldmenge vermehren, wenn im Tausch nur Gleiches gegen Gleiches steht?
Marx’ Antwort auf diese Frage ist nüchtern: Mehrwert entsteht nicht im Tauschverhältnis, sondern in der Produktion. Verdeckt wird dies in jenem Moment, in dem die Ware gegen Geld gegeben und gegen es genommen wird. Ob dabei jemals wirklich Äquivalente getauscht wurden, bleibt auch für Theodor W. Adorno fraglich. Seine knappe Formulierung trifft den Punkt: Die formale Gleichheit des Getauschten ist die Illusion, die dem Äquivalenzpostulat notwendigerweise zugrunde liegen muss, um den Prozess des Austauschs in Bewegung zu halten: »Die Behauptung der Äquivalenz des Getauschten, Basis allen Tauschs, wird von dessen Konsequenz desavouiert.«
Die Wertform der Ware erscheint in der bürgerlichen Ökonomie von der zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitszeit abgelöst. Marx fasst diese Verkehrung als Bewegung hin zur Abstraktion. Der Tauschwert emanzipiert sich von jeder konkreten Arbeit. Alfred Sohn-Rethel hingegen spricht von »Realabstraktion« als zentraler Illusion einer »Robinsonadenökonomie« – die Fiktion vom Kaufmann, der gegen Geld tauscht, ohne selbst in gesellschaftliche Produktionsverhältnisse verstrickt zu sein. Ohne Freitag geht es auch – für Sohn-Rethel allerdings nur infolge einer fatalen Vertauschung: Die kapitalistische Produktion folgt dem Anschein nach den Gesetzen des Austauschs, während der gesellschaftliche Austausch wiederum die Produktion zum Inhalt hat.
Wo Marx die Realabstraktion im ökonomischen Tausch verortet, radikalisiert Sohn-Rethel dies erkenntnistheoretisch. Mit dem Auftreten von Geld als Medium wird aus A = B. Denken folgt somit unter Bedingungen des Tauschakts. Der Wert stirbt dabei nicht, er fault weiter. Was ihn einmal hatte, wird nichtig, aber die Form bleibt. In dieser Persistenz liegt die eigentliche Zumutung. Der Äquivalententausch produziert, scheinbar losgelöst von allen gesellschaftlichen Verhältnissen, Gleichheit, wo keine ist, und nennt dies Vernunft. Sie überlebt nicht, weil das, was sie proklamiert, wahr ist, sondern einzig und allein durch ihre Listen – als Konjunktion und Disjunktion, Implikation und Äquivalenz in Gestalt logischer Denkkategorien.
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