Sahels Souveränität unerwünscht
Von Jörg Kronauer
Die drei Staaten der Alliance des États du Sahel (AES), Mali, Burkina Faso und Niger, kommen nicht zur Ruhe. In Niger schürt unverändert ein Terrorangriff auf den Flughafen der Hauptstadt Niamey die Sorge vor weiteren Überfällen durch Dschihadisten. Zu dem Angriff in der Nacht vom 28. auf den 29. Januar hatte sich der örtliche Ableger des Islamischen Staates, der État islamique au Sahel (EIS), bekannt. Mehrere Dutzend seiner Kämpfer waren auf Motorrädern auf das Flughafengelände und den an den zivilen Bereich grenzenden Luftwaffenstützpunkt vorgedrungen und hatten sich dort einen fast eine Stunde dauernden Schusswechsel mit nigrischen Truppen und Militärs des russischen Afrikakorps geliefert, bis es gelang, sie zurückzuschlagen. Rund 20 von ihnen sollen dabei zu Tode gekommen sein. Die Angaben über Tote auf nigrischer und auf russischer Seite divergieren. Während offiziell nur von vier Verletzten die Rede ist, berichten Gegner der Regierung in Niamey von 20 nigrischen und drei russischen Opfern.
Der Überfall wiegt auch unabhängig davon schwer. Der Luftwaffenstützpunkt Niamey, die Base aérienne 101, gilt als die vielleicht bedeutendste militärische Einrichtung im Land; dort sind nicht nur nigrische, sondern auch Einheiten des russischen Afrikakorps stationiert. Auch das Hauptquartier der AES-Streitkräfte, der Force unifiée de l'AES, hat dort seinen Sitz; es wurde bei dem Angriff beschädigt. Das südafrikanische Internetportal Defenceweb kam nach einer Auswertung unter anderem von EIS-Videos zu dem Schluss, außer zwei zivilen Maschinen seien fünf Militärflugzeuge und -helikopter zerstört worden; für die kleine nigrische Luftwaffe ist das ein herber Schlag. Zudem kratzt es am Prestige der Streitkräfte, dass die so bedeutende Militäranlage nicht besser geschützt war und von einigen Dutzend mit Mopeds heranratternden Dschihadisten kurzzeitig eingenommen werden konnte.
Durch Schüsse beschädigt, aber nicht zerstört wurde Berichten zufolge auch ein Gebäude, in dem zur Zeit rund 1.000 Tonnen Uran lagern. Der Rohstoff gehört seit der Verstaatlichung der Firma Somaïr dem nigrischen Staat, der ihn jetzt exportieren möchte. Dagegen geht das mehrheitlich in Staatsbesitz befindliche französische Unternehmen Orano vor, das rund zwei Drittel an Somaïr hielt und die Verstaatlichung nicht anerkennt. Inzwischen beharken sich beide Seiten vor nationalen sowie internationalen Gerichten und Schiedsstellen. Niamey beharrt unverändert auf Nigers Souveränität und auf seinem Recht, seine Bodenschätze zum eigenen Nutzen anstelle zu dem der ehemaligen Kolonialmacht zu verkaufen.
Aus Burkina Faso war schon in der Nacht vom 3. auf den 4. Januar ein neuer Putschversuch gemeldet worden. Laut Regierungsangaben hatten einige Soldaten geplant, die Lage im Land mit der Ermordung von Präsident Ibrahim Traoré und Teilen der militärischen Führung zu destabilisieren; anschließend hätten auswärtige Truppen nach Burkina Faso geholt werden sollen, um in Ouagadougou die Macht an sich zu reißen. Drahtzieher sei der Oberstleutnant Paul-Henri Sandaogo Damiba gewesen, heißt es. Damiba hatte Anfang 2022 mit einem Putsch die Macht in Burkina Faso an sich gerissen, bevor er Ende September 2022 von Traoré gestürzt wurde. Er hatte in Togos Hauptstadt Lomé Zuflucht gesucht; von dort wurde er Mitte Januar nach Ouagadougou überstellt.
In Mali wiederum brachte am 29. Januar ein erneuter Angriff des Al Qaida-Ablegers Jamaa Nusrat al Islam wal Muslimin (JNIM) auf einen Treibstoffkonvoi einen Rückschlag. Im vergangenen Jahr war es den Dschihadisten gelungen, mit gezielten Angriffen auf Tanklaster, die Malis Städte über schwer zu sichernde Routen beliefern, die Versorgung des Landes empfindlich zu stören. Gegen Ende 2025 hatte die Regierung mit gezielter militärischer Begleitung von Lkw-Konvois auf der Versorgungsstrecke aus Côte d'Ivoire deutliche Fortschritte erzielt. Beim Angriff am 29. Januar auf der Strecke von Senegal in Malis Westen kamen mehrere Menschen zu Tode; Dutzende Tanklaster wurden beschädigt oder ganz zerstört. Die Unsicherheit von Malis Treibstoffversorgung hält damit weiter an.
Nach wie vor werfen die Regierungen der AES fremden Staaten vor, die andauernden Terrorangriffe und wiederkehrenden Putschversuche zu unterstützen. Nigers Präsident Abdourahamane Tchiani etwa erklärte nach dem EIS-Überfall auf den Flughafen in Niamey, Frankreich, Côte d'Ivoire und Benin hätten ihre Finger im Spiel gehabt. Beweise legte Tchiani nicht vor. Bekannt ist allerdings, dass in Côte d’Ivoire und in Benin mit Alassane Ouattara und Patrice Talon zwei enge Parteigänger der Exkolonialmacht Frankreich regieren, die etwa nach dem Putsch in Niger 2023 besonders eifrig die ECOWAS-Sanktionen gegen das Land vorangetrieben hatten. Talon wurde kürzlich von Paris vor einem Putsch gerettet, dessen Protagonisten offenbar das Ziel hatten, Frankreichs Einfluss abzuschütteln – nach dem Vorbild der AES. Talon revanchiert sich zur Zeit damit, dass er mehr als hundert gepanzerte Fahrzeuge, die für Niger bestimmt sind und im Antiterrorkampf gebraucht werden, im Hafen von Cotonou festhält – unter dem Vorwand, sie könnten unterwegs Dschihadisten in die Hände fallen.
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