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Aus: Ausgabe vom 06.02.2026, Seite 5 / Inland
Wirtschaftskrise

Falscher Optimismus wegen Konjunkturdaten

Statistisches Bundesamt meldet starken Anstieg bei Industrieaufträgen
Von Luca von Ludwig
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Die deutsche Industrie geht noch lange nicht so sonnigen Zeiten entgegen, wie mancher nun behauptet

Regelrechte Partylaune herrschte am Donnerstag in den Kreisen der kapitalnahen Ökonomen, nachdem die jüngsten Auftragszahlen der Industrie veröffentlicht worden waren. Laut Mitteilung des Statistischen Bundesamtes stiegen diese im Dezember um 7,8 Prozent im Vergleich zum Vormonat; dies ist das größte Plus seit zwei Jahren und der vierte monatliche Anstieg in Folge. »Das sieht jetzt ​wirklich sehr stark nach Trendwende aus«, jubelte Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg mit Blick auf die für die deutsche Industrie eher mageren vergangenen Monate und Jahre. »Der Aufwind straft Konjunkturpessimisten Lügen«, meinte auch Michael Herzum von Union Investment.

Ein wenig Nüchternheit sei angeraten: Ein genauerer Blick auf die Daten offenbart, dass der Großteil des Zugewinns durch Großaufträge verursacht ist. Diese sind nicht wertlos, jedoch volatiler als konstante kleinere Bestellungen – bricht ein Großauftrag weg, wirkt sich das deutlich negativer auf die Bilanzen aus, als die Stornierung selbst mehrerer kleinerer. Auch Herzum bemerkte, dass die hohen staatlichen Investitionen in die Rüstungsindustrie eine entscheidende Rolle spielten. Ob er darauf spekuliert, dass die BRD auf alle Ewigkeit »Sondervermögen« historischen Ausmaßes bereithält, bleibt sein Geheimnis.

Der Blick auf den reinen prozentualen Anstieg, noch dazu bei Monatsvergleichen, versperrt den Blick auf die Gesamtsituation. Denn die absoluten Auftragszahlen liegen nach wie vor etwas unter dem Höchststand von Juni 2021 (damals 103,6 Volumenindexpunkte, jetzt 100,1), und bei Ausklammerung der Großaufträge liegt der Index völlig im Rahmen der Zahlen seit Ende 2022. Auch sinken die Umsätze seit November 2022 ziemlich konstant, trotz gelegentlicher monatlicher Erholungen. Sie lagen im vergangenen Dezember 1,4 Prozent niedriger als im November und 1,9 Prozent unter dem Niveau von Dezember 2024.

Ein Blick auf die Verteilung nach Branchen lohnt ebenfalls. Gewonnen haben insbesondere der Maschinenbau und die metallverarbeitende Industrie (plus 30,2 und 11,5 Prozent), die Herstellung elektrischer Ausrüstung (plus 9,8 Prozent) und die EDV-Gerätefertigung (plus 5,7 Prozent). In der für die Beschäftigungszahlen wichtigen Automobilbranche war jedoch ein Minus von 6,3 Prozent, im übrigen Fahrzeugbau ein Minus von 18,7 Prozent zu verzeichnen. Die hohen Prozentwerte illustrieren das Problem der monatlichen, relativen Datenbetrachtung.

»Man sollte bedenken, dass der Ifo-Geschäftsklimaindex in den zurückliegenden Monaten tendenziell gesunken ist«, bemängelte auch Commerzbank-»Chefvolkswirt« Jörg Krämer. Eine klare Erholung sei noch nicht zu erkennen. Das Bundeswirtschaftsministerium warnte seinerseits vor »geopolitischen Unwägbarkeiten«.

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