Drastischer Stellenrückgang
Von Luca von Ludwig
Die deutsche Industrie steckt in einer tiefen Krise – so weit, so bekannt. Eine Datenaufschlüsselung der Fraktion Die Linke im Bundestag, welche jW exklusiv vorliegt, zeigt, dass zwischen 2019 und 2025 etwa 405.000 Stellen im verarbeitenden Gewerbe abgebaut wurden. Die Krisenjahre der Pandemie und der wirtschaftlichen Verwerfungen in Folge des Ukraine-Krieges waren somit insbesondere für die Industriearbeiter verheerend. »Beschäftigte geraten in existentielle Not«, kommentierte Cem Ince, Mitglied der Linksfraktion im Ausschuss für Arbeit und Soziales, von dessen Büro die Auswertung vorgenommen wurde, die Ergebnisse gegenüber jW.
Für die Erhebung wurden die Daten zur Erwerbstätigkeit der Bundesagentur für Arbeit herangezogen. Die standardmäßig zergliederten Zahlen wurden zu größeren Wirtschaftsabschnitten zusammengefasst, was ein aussagekräftigeres Bild der Lage ermöglicht. Die Gegenüberstellung von Daten aus 2019 und 2025 soll die Entwicklung während der besonders krisenhaften zurückliegenden Jahre abbilden, heißt es.
Besonders gelitten haben im untersuchten Zeitraum die Sektoren der Herstellung von Metallerzeugnissen sowie von Autos und Autoteilen, wo jeweils mehr als 90.000 Stellen verloren gegangen sind. Im Maschinenbau und dem Kunststoffsektor waren es je über 50.000, und auch bei der Metallproduktion und -weiterverarbeitung ging die Beschäftigung um rund 47.000 Arbeitsplätze zurück.
Den drastischsten Einbruch verzeichnete aber die Leiharbeit, wo mehr als 187.000 Stellen weggebrochen sind. Zwar würde diese in Statistiken in der Regel nicht zum »verarbeitenden« Gewerbe gezählt, heißt es in der Übersicht zur Erhebung. Jedoch könnten die Zahlen als Barometer für den Zustand der Industrie gelten. Wie das Münchener Ifo-Institut in einem Bericht zur Branche bereits 2021 darlegte, ähneln die Verläufe der Geschäftslage dort eher denen des Industrie- als denen des Dienstleistungssektors, dem sie oft zugerechnet wird. »Der Grund liegt darin, dass das Instrument der Leiharbeit vor allem in der Industrie genutzt wird«, weshalb das Wohlergehen beider Sektoren miteinander korreliere.
Insgesamt zeigen die Daten zwar einen Zugewinn von Arbeitskräften über den sechsjährigen Betrachtungszeitraum – rund 1,5 Millionen Stellen sind demnach dazugekommen. Dabei fällt aber die Aufteilung auf die Branchen ins Auge: Gewachsen sind überwiegend die Bereiche der Dienstleistungen, der Administration und der gesellschaftlichen Reproduktion. An der Spitze stehen das Gesundheits- und Sozialwesen, wo mehr als 600.000 Jobs entstanden sind, davon mehr als die Hälfte in Gesundheitsberufen. Auch in der öffentlichen Verwaltung, der Verteidigung und der Sozialversicherung gab es insgesamt Zugewinne um circa 300.000 Stellen. Ein Plus gibt es also vor allem im sogenannten tertiären Sektor – hier spiegelt sich der allgemeine wirtschaftliche Entwicklungstrend.
Die Industriegewerkschaft Metall (IGM) bewertete die Zahlen gegenüber jW als »plausibel« und im langjährigen Trend liegend, den man aus eigenen Erhebungen und den Erfahrungen in den Betrieben kenne. »Produktionsverlagerungen, Investitionszurückhaltung, der beschleunigte Transformationsdruck und eine unzureichende industriepolitische Flankierung haben Zehntausende Arbeitsplätze gekostet«, so IGM-Sprecher Artur Siemens. Zwar hätten Maßnahmen während der Krisenjahre viele Arbeitsplätze stabilisiert – jedoch sei vieles »auf kurzfristige Stabilisierung begrenzt«. So fehlten »notwendige Impulse für eine nachhaltige Modernisierung der Industrie, für eine aktive Transformationspolitik und für mehr soziale Gerechtigkeit«.
Ähnlich sieht das Cem Ince: »Blindes Profitstreben führte zu falschen Produktstrategien und ausbleibenden Innovationen; Steuerprivilegien für Reiche und der daraus resultierende staatliche Sparzwang verhinderten notwendige Zukunftsinvestitionen.« Notwendig sei eine aktivere Industriepolitik und eine stärkere Einbindung der Arbeiter in Entscheidungsprozesse.
Alles nette Anregungen. Doch die Ursachen der aktuellen Industriekrise sind nicht erst in den letzten Jahren zu finden. Das auf Export basierende Wirtschaftsmodell kommt an seine Grenzen. Einerseits dreht sich der Wind in der internationalen Politik und als sicher geglaubte Absatzmärkte in den USA brechen weg. Andererseits erweist sich die lang behauptete deutsche Überlegenheit bei der technologischen Innovation, gerade in der Konkurrenz mit China, als Nullnummer. Das Verprellen von Handelspartnern für wichtige Rohstoffe tut sein übriges.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Inland
-
Welche Wirkung haben die Kontokündigungen?
vom 30.01.2026 -
Infrastruktur hochgerüstet
vom 30.01.2026 -
Widerrufe bleiben Ausnahme
vom 30.01.2026 -
Schnaps und Dosenravioli
vom 30.01.2026