Gegründet 1947 Freitag, 6. Februar 2026, Nr. 31
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 06.02.2026, Seite 2 / Inland
»Künstliche Intelligenz«

Was macht KI-Systeme zur Gefahr für uns?

Initiative mobilisiert zum Protest gegen Datenkonzerne. Sie bedrohen Mensch, Umwelt und Demokratie, warnt Raphael Thelen
Interview: Gitta Düperthal
boillot260128_KIdemo03.jpg
Aktivisten der Initiative »Fairness jetzt« protestieren vor dem Kanzleramt in Berlin gegen Techkonzerne wie Open AI (28.1.2026)

Um auf die Gefahren hinzuweisen, die von Systemen sogenannter künstlicher Intelligenz ausgehen, protestierte die Initiative »­Fairness jetzt« vergangene Woche vorm Bundeskanzleramt in Berlin. Für den 28. Februar ist eine Kundgebung geplant. Wie argumentieren Sie angesichts auch vorteilhafter Anwendungen?

Nützliche Anwendungen von KI gibt es, etwa wenn es um medizinische Diagnosen geht. In der Forschung kann KI von Nutzen sein, wenn es darum geht, große Datenmengen durchzuschauen, miteinander zu verknüpfen, zu analysieren. Die Gefahr ist allerdings: Diese Technologie wird in rasendem Tempo auf unsere Gesellschaft losgelassen – und zwar kontrolliert durch eine Handvoll ­US-amerikanischer Techmilliardäre, die die Gesellschaft in ihrem Sinn überwachen und verändern wollen. Da ist Elon Musk, der rechtsradikale Thesen vertritt und Donald Trump den Wahlkampf finanzierte, ihn an die Macht brachte; Mark Zuckerberg, der Teil der »Make America great again«-Bewegung ist. Sam Altman, CEO und Mitgründer von Open AI, äußert ganz offen, dass er es begrüßt, wenn KI Menschen aus Jobs verdrängt und Unternehmen ökonomisch profitieren.

Wie genau profitieren wiederum diese KI-Kapitalisten dabei? Und auf wessen Kosten?

Diese Konzerne, die entscheiden, wie KI in unser Leben kommt, sorgen dafür, dass jeder neue Datensatz sie reicher macht. Zugleich hat KI für die Mehrheit der Menschen teils furchtbare Folgen: Viele verlieren ihre Jobs, von Kassiererinnen durch vollautomatisierte Supermarktkassen bis zu Fachangestellten in Anwaltskanzleien. Kinder und Jugendliche verlieren sich in digitalen Scheinwelten, weil Chatbots darauf programmiert sind, ihre User psychologisch abhängig zu machen. Anwendungen wie die Überwachungssoftware Palantir bedrohen unsere Privatsphäre und die Demokratie.

»Fairness jetzt« schlägt Bundeskanzler Friedrich Merz in einem offenen Brief vor, einen »Bürgerrat künstliche Intelligenz« einzuberufen. Meinen Sie damit so etwas wie eine der Kommissionen, die die ­Regierung zur »Sozialstaatsreform« eingesetzt hatte und die zum Sozialabbau rät?

Nein, Bürgerräte werden statistisch nach Auswahlkriterien zusammengesetzt, so dass alle Schichten und Meinungen darin vertreten sind. Der Unterschied ist, dass keine Vertreter von Organisationen, Gewerkschaften oder Parteien darin sitzen, sondern normale Bürgerinnen und Bürger mit ihren vielfältigen Perspektiven.

Zu dieser Vielfalt zählen dann ja auch Vermögende, deren Lobbyverbände oder Rechtsaußenparteien. Können die in solchen Bürgerräten nicht ihre Interessen durchdrücken?

Es hat sich erwiesen, dass auch AfD-Wähler sich nicht nur an der Parteilinie oder deren Programm orientieren, wenn sie sich in einem Bürgerrat zu einem Sachthema zusammenfinden. Sowie auch, dass Bürgerräte zu radikalen Ergebnissen kommen, zum Beispiel beim Klima.

Der Aufklärung über KI-Systeme haben sich bislang vor allem netzpolitische Zusammenschlüsse gewidmet. Wie ist Ihre Kampagne mit anderen Initiativen verbunden?

Wir sind im Austausch mit Organisationen, die sich auch mit dem Thema beschäftigen, zum Beispiel dem feministischen »Superrr Lab« und dem Verein »Digitale Gesellschaft«, sowie mit Menschen, die in betroffenen Branchen arbeiten, und deren Interessensvertretungen.

Massenarbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Überwachungsstaat und weitere Bereicherung von Milliardären: Was macht Sie zuversichtlich, dass die Chance besteht, diese Folgen abzuwenden?

Wir merken, dass bei dem Thema viel Resonanz ist. Ich glaube, da kann ein Momentum entstehen.

Die Bundesregierung setzt auf die Absicherung bzw. Steigerung der Unternehmensgewinne und spricht von Wirtschaftswachstum als oberstem Ziel ihrer Politik. Die Gefahren auch durch KI-Systeme dürften da zweit- oder drittrangig sein. Wie wollen Sie gegen die kapitalistische Profitmaximierung angehen und die Verantwortlichen zur Kursänderung bewegen?

Wir wollen Menschen auf die Straße bringen, um Politiker unter Druck zu setzen. Macht muss zu den Betroffenen kommen. So sind auch ungerechte Verteilung und Wirtschaftsverhältnisse zu ändern.

Raphael Thelen ist Sprecher der Initiative »Fairness jetzt«

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Mehr aus: Inland