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Konjunkturflämmchen

Von Lucas Zeise
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Welch unverhoffte Freude! Die deutsche Industrie hat im November vergangenen Jahres überraschend deutlich mehr Aufträge erhalten. Im Vergleich zum Oktober stieg der Auftragseingang laut einer Mitteilung des Statistischen Bundesamts vom Donnerstag saison- und kalenderbereinigt um 5,6 Prozent. Vorher befragte »Experten« hatten nach einem starken Oktoberwert mit einem Rückgang gerechnet. Eine überdurchschnittliche Häufung von Großaufträgen aus dem Inland sorgte den Angaben des Amtes zufolge auch im Vergleich der letzten drei Monate mit denen des Vorjahres für eine Zunahme um vier Prozent. Deutliche Auftragszuwächse von 25,3 Prozent gab es dabei etwa für Hersteller von Metallerzeugnissen und im sogenannten »Sonstigen Fahrzeugbau« – also Flugzeugen, Schiffen, Zügen und Militärfahrzeugen – mit einem Plus von 12,3 Prozent.

In den Zeitungen kamen reihenweise Ökonomen zu Wort, die von einer positiven Konjunkturüberraschung und einem Zeichen für eine Trendwende sprachen. Die Experten verliehen ferner der Hoffnung Ausdruck, dass die Auftragslage in den kommenden Monaten auch von Rüstungsaufträgen geprägt bleiben werde: Die Welt zitierte den wissenschaftlichen Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, Sebastian Dullien, der die Erwartung hegt, Rüstungsbestellungen dürften zu weiter steigenden Auftragseingängen führen. Das Auftragsplus sei ein weiteres Indiz, dass die steigenden Staatsausgaben im neuen Jahr die Wirtschaft ankurbeln würden. »Diese Stütze ist für die Industrie hochwillkommen«, sagte Dullien. 2026 dürfte für die deutsche Industrie deutlich besser laufen als das abgelaufene Jahr. Neben steigenden Staatsausgaben für Rüstung dürfte auch der Anstieg bei Infrastrukturinvestitionen der Industrie mehr Aufträge und ergo Umsatz bescheren.

Hier ein Einschub: Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im Dezember im Vergleich zum Vormonat um 23.000 auf nunmehr 2,908 Millionen gestiegen. Das sind 101.000 mehr als im Dezember 2024, wie die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg mitteilte. Höher lag die Arbeitslosigkeit zuletzt im Dezember 2010, damals waren 3,012 Millionen Menschen ohne Job. Dass zu Beginn des neuen Jahres die Drei-Millionen-Grenze wieder überschritten wird, wollen die Experten nicht ausschließen: »Dem Arbeitsmarkt fehlt weiterhin wirtschaftlicher Rückenwind«, fasste die frühere SPD-Chefin und heutige Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, zusammen.

Dann aber machte auch sie uns – wie schon im September – wieder Hoffnung: Es deute »einiges darauf hin, dass wir die Talsohle erreicht haben.« Wir fassen also zusammen: Bisher mussten wir Beobachter des konjunkturellen Geschehens ja fast verzweifeln. Denn die riesigen Summen der vom alten Bundestag in einer kühnen Änderung des Grundgesetzes beschlossenen Neuverschuldung wollten einfach nicht wirken. Nicht einmal das sprichwörtliche Strohfeuer einer expansiven Konjunkturpolitik wollte sich einstellen. Jetzt sehen wir wenigstens die ersten Flämmchen züngeln. Vielleicht entwickelt sich daraus sogar noch ein wohlig knisternder, rüstungsgetriebener, boomartiger Großbrand.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen

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