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Aus: Ausgabe vom 04.02.2026, Seite 7 / Ausland
Vereinigte Staaten

Flucht nach China

USA: Medizinstudent aus der Volksrepublik dokumentiert Armut und muss sich am Ende in Sicherheit bringen
Von Jörg Kronauer
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Nationalismus wärmt nicht: Auch auf der Wall Street machen sich Armut und Elend breit (New York, 18.6.2025)

Der Ausdruck schlägt seit einigen Wochen in Chinas sozialen Netzwerken hohe Wellen: »Kill line«. Er entstammt der Welt der chinesischen Computerspiele. Wer diese »Todeslinie« überschritten hat, wird beim nächsten Schlag dauerhaft ausgeschaltet. Im aktuellen Kontext aber geht es um anderes: darum, dass viele Menschen in den USA materiell so schlecht abgesichert sind, dass ein einziger Schicksalsschlag genügt, um sie dauerhaft in bittere Armut zu stürzen. Angestoßen hat die Debatte ein 22jähriger Chinese, der bis vor kurzem in Seattle Medizin studierte und im Nebenjob als forensischer Assistent die Leichen von Menschen einsammelte, um die sich zum Zeitpunkt ihres Todes niemand mehr kümmerte, Menschen ohne Wohnung beispielsweise. Schockiert davon, was er sah, begann er in sozialen Netzwerken unter dem Namen King Si Kui Qi (etwa: glitschiger König) Armut in den Vereinigten Staaten zu dokumentieren – erfrorene Obdachlose etwa, unbezahlbare Kosten für ärztliche Behandlung. Für den individuellen Absturz ins Elend prägte er den Begriff »American kill line«.

Vor allem bei Chinas jüngerer Generation haben King Si Kui Qis Videos heftig eingeschlagen und bei vielen ein Bewusstsein für die realen sozialen Verhältnisse in den USA jenseits des Hollywoodglitzers geweckt. Tatsachen wie die, dass fast 40 Prozent aller erwachsenen US-Amerikaner nicht in der Lage sind, in Notfällen 400 US-Dollar zu bezahlen – etwa für ärztliche Behandlung –, dringen ins allgemeine Bewusstsein. Und sie provozieren Vergleiche. Während die medizinische Grundversorgung in China weitestgehend durch eine staatliche Krankenversicherung gewährleistet ist, zeigt King Si Kui Qi klaffende Lücken in der US-Gesundheitsversorgung. Eine Geburt im Krankenhaus kostet in den USA mindestens zehnmal soviel wie in China. Während in China der Anteil derjenigen, die von weniger als drei US-Dollar am Tag leben müssen, laut Weltbankdaten von 83 Prozent im Jahr 1990 auf null Prozent im Jahr 2019 gefallen ist, lag er 2022 in den USA bei 1,25 Prozent – rund dreimal so hoch wie 1990, mit steigender Tendenz. Und während in China das ärmste Zehntel der Bevölkerung 3,1 Prozent des gesamten Nationaleinkommens besitzt, liegt der Vergleichswert in den USA bei 1,8 Prozent.

Es ist nicht so, dass in der Volksrepublik Unkenntnis über die sozialen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten herrschen würde. Zahllose chinesische Touristen nehmen regelmäßig die in bitterer Armut lebenden Obdachlosen in US-Großstädten wahr. Auf die Situation in der U-Bahn in New York blicken Bewohner chinesischer Metropolen immer wieder unangenehm berührt herab. Auch die politischen Verhältnisse und der grassierende Rassismus – die offizielle Rate sogenannter Hassverbrechen gegen Menschen asiatischer Herkunft liegt seit Jahren auf einem Höchstniveau – haben inzwischen stark am Lack der US-Propaganda gekratzt. Bereits 2023 ergab eine Umfrage der Stanford University, dass 45 Prozent aller Wissenschaftler mit chinesischem Hintergrund es vermieden, Fördermittel der US-Regierung zu beantragen, um nicht ins Visier der Behörden zu geraten. 61 Prozent dachten wegen des politischen Drucks und der Gefahr durch Rassismus darüber nach, das Land zu verlassen. Längst machen auch in chinesischen Medien allerlei Berichte über aus den USA heimgekehrte Topwissenschaftler die Runde.

Mit dem Jugendbegriff »Kill line« hat King Si Kui Qi nun auch die Generation erreicht, die darüber nachdenkt, in den USA zu studieren. Im Westen hat das zu Abwehrreflexen geführt. Die New York Times (NYT) etwa schimpfte Mitte Januar, Berichte über Armut in den USA sollten doch nur davon ablenken, dass auch in China nicht alles zum Besten bestellt sei. Europäische Medien – vom Economist bis Die Zeit – legten nach. Die Debatte in China wird das kaum beeinflussen. Getroffen hat es nur King Si Kui Qi. Als ihm klar wurde, dass er nach dem Bericht der NYT ins Kreuzfeuer zu geraten drohte, zumal chinesische Regierungsgegner seinen Klarnamen öffentlich gemacht hatten, da flüchtete er Hals über Kopf, wie der China-Kenner Arnaud Bertrand am Donnerstag auf seinem Blog berichtete: Er brachte sich in der Volksrepublik in Sicherheit.

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