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Aus: Ausgabe vom 04.02.2026, Seite 3 / Inland
Rafah-Grenzöffnung

Warum muss Rafah komplett geöffnet werden?

Gaza: Der Grenzübergang war der einzige Zugang zur Welt, sagt Farah Abu Sahlija
Interview: David Siegmund-Schultze
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Lange erwartet: Menschen können nach Gaza einreisen und wieder mit ihrer Familie sein (Khan Junis, 3.2.2026)

Am Montag konnten die ersten Menschen die Grenze zwischen Ägypten und Gaza bei Rafah überqueren, die seit Mai 2024 nahezu komplett von Israel geschlossen worden war. Wie sollte die Öffnung aussehen?

Wir wollen, dass der Grenzübergang bedingungslos in beide Richtungen geöffnet wird – die Menschen müssen den Gazastreifen frei verlassen und betreten können. Darüber hinaus müssen kommerzielle und humanitäre Hilfsgüter ohne Einschränkungen hineinkommen.

Medienberichten zufolge will Israel mehr Menschen aus- als einreisen lassen. Besteht die Gefahr, dass die Grenzöffnung als Vorwand genutzt wird, um eine langsame Vertreibung der Palästinenser aus Gaza voranzutreiben?

Es würde nicht ausreichen, wenn Rafah so geöffnet würde, dass mehr Menschen aus- als einreisen dürften. Das wäre ein Verstoß gegen die Verpflichtungen Israels aus dem Waffenstillstandsabkommen vom Oktober 2025. In den 18 Jahren, in denen Gaza vor dem Krieg unter Blockade stand, war Rafah für die meisten Menschen der einzige Zugang zur Welt – eine vollständige Öffnung wäre von enormer Bedeutung.

Warum ist das noch wichtig?

Nach Angaben der Vereinten Nationen konnten seit Beginn des Kriegs über 10.000 Menschen aus Gaza evakuiert werden, um medizinisch versorgt zu werden. Aber rund 20.000 Menschen warten nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza noch immer darauf, darunter über 4.000 Kinder und 4.000 Krebspatienten. Derzeit gibt es in Gaza weder Chemo- noch Strahlentherapien. Und es gibt den weltweit höchsten Prozentsatz an Kindern mit Amputationen – sie brauchen eine Behandlung, die sie in Gaza nicht bekommen können. Die meisten Krankenhäuser wurden zerstört, und in denen, die noch stehen, gibt es nicht ausreichend Medikamente. Wenn diese Patienten nicht ausreisen können, könnten sie bald sterben. Am 27. Januar gab die Gesundheitsbehörde bekannt, dass bereits über 1.200 Patienten gestorben sind, während sie darauf warteten, die Enklave für eine medizinische Versorgung zu verlassen. Darüber hinaus sind über 97 Prozent der Schulen in Gaza beschädigt. Alle Universitäten wurden zerstört. Diejenigen, die während des Kriegs ihren Schulabschluss gemacht haben, können keine Hochschule besuchen. Eine ganze Generation wurde von Bildungsmöglichkeiten abgeschnitten. Es ist also sehr wichtig, dass die Menschen ausreisen können, um ihre Ausbildung fortzusetzen.

Welcher Bedarf besteht hinsichtlich der Einfuhr von humanitärer Hilfe?

Materialien wie Holz und Beton, aber auch Fertighäuser müssen geliefert werden, um mit dem Wiederaufbau des Lebens der Menschen zu beginnen – 800.000 Menschen leben in Zelten in Gebieten, die von Überschwemmungen bedroht sind. Abgesehen davon sinkt die Mangelernährungsrate langsam im Vergleich zum Stand während der Hungersnot im Sommer. Bei schwangeren und stillenden Frauen ist sie jedoch immer noch sehr hoch. Täglich kommen nur etwa 200 Lastwagen ins Land, weit weniger als die im Oktober vereinbarten 600.

Was sind die langfristigen Konsequenzen von Unterernährung bei Kindern?

Ein Kind, das von einer mangelernährten Frau geboren wird, ist als Säugling ebenfalls mangelernährt. Es wird wahrscheinlich mit erheblichen Gesundheitsproblemen aufwachsen und daher anfälliger für körperliche und kognitive Erkrankungen sein. Aufgrund des Proteinmangels ist es außerdem schwieriger für diese Kinder, sich von körperlichen Verletzungen wie Verbrennungen zu erholen.

Was sind ganz grundsätzlich die Folgen von mehr als zwei Jahren Genozid für die Kinder in Gaza?

Durch den Krieg sind die meisten Kinder von Bildung abgeschnitten und haben Schreckliches erlebt – etwa, wie geliebte Menschen vor ihren Augen getötet wurden, sie haben Freunde und Familienmitglieder verloren. Viele von ihnen leiden unter Traumata. Darüber hinaus haben die meisten Kinder ihr Zuhause verloren und wurden mehrfach vertrieben. Meine Kollegin aus Gaza erzählte mir gestern, dass sie auf dem Weg zur Arbeit Kinder gesehen hat, die in den Trümmern Verstecken spielten. Es gibt keinen Ort mehr, an dem Kinder einfach Kinder sein können. Ihnen wird systematisch ihre Kindheit verwehrt.

Farah Abu Sahlija ist Mitarbeiter der Kinderrechtsorganisation Save the Children in Ramallah in den besetzten palästinensischen Gebieten

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