Armut nimmt zu
Von Gudrun Giese
Immer mehr Bundesbürger sind von Armut betroffen, darunter viele Kinder und Jugendliche. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) für 2025. Danach gelten 16,1 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet, was einen Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 0,6 Punkte bedeutet.
Armutsgefährdet ist nach der Definition der Europäischen Union, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Äquivalenzeinkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Dieser Wert lag für Alleinlebende in Deutschland 2025 bei 1.446 Euro netto im Monat, für aus zwei Erwachsenen und zwei Kindern bestehende Haushalte bei 3.036 Euro. 47.444 Haushalte und 81.255 Menschen ab 16 Jahren wurden 2025 nach ihren Einkommen und Lebensbedingungen befragt. Grundlage für die Erhebung ist die »European Union Statistics on Income and Living Conditions« (EU-SILC). Etwa 13,3 Millionen Bundesbürger lagen mit ihrem Einkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze. Mit 30,9 Prozent sind Alleinlebende am stärksten von Armut betroffen. Es folgen Haushalte von Alleinerziehenden mit 28,7 Prozent. Noch höher ist der Anteil derer, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sind: Er lag nach Destatis-Angaben 2025 bei rund 17,6 Millionen Menschen, was einem Anteil von 21,2 Prozent der Bevölkerung entspricht. Neben einem Einkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze kann diese Gruppe auch von materieller und sozialer Entbehrung betroffen sein oder in einem Haushalt mit geringer Erwerbsbeteiligung leben.
Sören Pellmann, erinnerte daran, dass fast sich jede fünfte armutsbetroffene Person im Ruhestand befindet. »Das ist mehr als erschütternd und zeigt die absehbare Perspektive all derjenigen, die in den nächsten Jahren ins Rentenalter kommen«, erklärte der Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Die Linke.
Hoch und seit langem steigend ist auch der Anteil von Kindern und Jugendlichen, die in armen Haushalten aufwachsen. Das dürfe nicht länger hingenommen werden, meint Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes. Bund, Länder und Kommunen sollten sozialpolitisch umsteuern, um die Kinderarmut wirksam zu bekämpfen. Die Destatis-Zahlen belegten sehr klar, »dass die bisherigen sozialpolitischen Ansätze zur Reduzierung der Kinderarmut nicht wirken«. Werde der Grundsatz ernst genommen, kein Kind der Armut und sozialen Ausgrenzung zu überlassen, sei »allen Kindern ein gutes und gesundes Aufwachsen sowie gleichwertige Lebensverhältnisse unabhängig von ihrem Wohnort und ihrer sozialen Herkunft zu ermöglichen«. Dazu sind nach Einschätzung des Kinderhilfswerkes eigenständige Zahlungen für Kinder und Jugendliche ebenso nötig wie die Sicherstellung, dass alle an guten Bildungsangeboten im eigenen Lebensumfeld partizipieren können. Widerstandsfähiger könne der Nachwuchs werden, indem man ihm Mitbestimmung ermöglicht, etwa im Rahmen von Freizeitangeboten, Spiel und Sport. Die Bundesregierung solle nicht länger auf die schwierige Haushaltssituation verweisen, sondern »die Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland endlich« priorisieren, so Hofmann.
Wer das nicht mache und deren weiteren Anstieg bei den Jüngsten hinnehme, akzeptiere die Langzeitfolgen von Armut und sozialer Ausgrenzung auf die Entwicklung der Kinder und deren schlechte berufliche Perspektiven. Wie dramatisch die Lage seit längerem sei, zeige sich etwa in Einrichtungen des Kinderhilfswerkes, wo die Beschäftigten häufig für die grundlegenden Bedürfnisse des Nachwuchses wie Essen und Trinken sorgen müssten, statt ihm Bildungs- und Freizeitangebote machen zu können. Indikator für grassierende Armut in dieser Gruppe sei auch der wachsende Anteil von Kindern bei den Nutzern von Tafeln zur Essensausgabe: Er liege bei etwa 30 Prozent, während der Kinderanteil an der Gesamtbevölkerung 17 Prozent betrage.
Diesen Zustand hinzunehmen, sei kurzsichtig, befindet die Organisation. Die Gebietskörperschaften sollten statt dessen gemeinsam der Kinderarmut entgegenwirken, fordert Geschäftsführer Hofmann, und die soziale Infrastruktur insgesamt erheblich stärken. »Diese Investitionen für Kinder und ihre Familien werden sich langfristig auszahlen, denn sie führen zu mehr Wachstum und mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt.« Dass diese Forderungen bei den Regierenden Gehör finden, dürfte angesichts des Sparkurses bei Sozialem vermutlich eher unwahrscheinlich sein.
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