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Aus: Ausgabe vom 31.01.2026, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der letzte Reggae

Ordnung ohne Herrschaft: Über den Schriftsteller Peter-Paul Zahl, der vor 15 Jahren starb
Von Barbara Eder
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Peter-Paul Zahl in Berlin-Charlottenburg im April 2002

Dass ein ungelebtes Leben keines ist – diese Einsicht geht dem Schreiben von Peter-Paul Zahl voraus. Es zu leben, fordert radikale Autonomie, ganz im politischen Sinn. Das Redaktionskollektiv der in Frankfurt herausgegebenen und dem italienischen Operaismus nahestehenden Zeitschrift Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft verstand darunter auch die Verweigerung kapitalistisch organisierter Lohnarbeit und die Revolte gegen das Bestehende. Autonomie heißt, anders als im bürgerlichen Verständnis, nicht Selbstverwirklichung, sondern Ausstieg aus der Zwangslogik von Warenproduktion und Bankkonto. Peter-Paul Zahl, der in der zwischen 1975 und 1985 erschienenen Publikation immer wieder ein Forum fand, hatte davon eine nahezu kompromisslose Vorstellung. In seinem Text »Lumpen im Schließfach«, 1981 in der Aufsatzsammlung »Die Stille und das Grelle« abgedruckt, heißt es: »Berufsverbot? Man hatte nie einen Beruf, oder wenn man einen hatte, war er es nicht wert, ihn zu verteidigen. ›Kampf dem Abbau der demokratischen Grundrechte‹? Man besaß nie welche, die ›Demokratie war noch nie zu uns heruntergestiegen‹.«

agit 883

Zahl machte früh die Erfahrung, dass eine andere Gesellschaft nicht ohne persönlichen Preis zu haben ist. 1944 in Freiburg im Breisgau geboren, wuchs er zunächst in Feldberg in Mecklenburg-Vorpommern (DDR) auf, ehe die Eltern mit ihm in den Westen zogen. Mit siebzehn begann er in Düsseldorf eine Ausbildung zum Drucker; 1964 übersiedelte er nach Westberlin, um dem Wehrdienst zu entgehen. Dort entdeckte er unterschiedliche Strömungen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und machte Bekanntschaft mit Akteurinnen und Akteuren der Studentenrevolte – inmitten jener Gemengelage aus Theorie, Agitation und Aktion, die später als »68« bezeichnet werden sollte. Von seiner Wohnung in der Uhlandstraße 52, an der Grenze zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf, betrieb er ab 1969 die Druckerei agit 883. Wer hier arbeitete, tat es nicht, um Karriere zu machen, sondern etwas in Umlauf zu bringen, das draußen noch keinen Platz hatte. Nicht zufällig waren Drucker, Setzer und Buchbinder an den diversen Arbeiterbewegungen verhältnismäßig stark beteiligt, sie standen buchstäblich an der Schnittstelle von Handarbeit und geistiger Abstraktion. So waren sie Seismographen revolutionärer Strömungen – unsichtbare Intellektuelle, die längst wussten, dass etwas in Bewegung geraten war, bevor andere es merkten. Dass Zahl auch inhaltlich für anarchistische Publikationen arbeitete, fügt sich ein in diese Logik. Die gleichnamige Zeitschrift, die er bei agit 883 verlegte, war Widerstandsgazette und Kontaktmagazin zugleich: knappe Analysen zum autonomen Geschehen nebst Tauschgeboten und Terminankündigungen, Erfahrungsberichten von Aktionen und theoretischen Splittern. agit 883 war collageartig angelegt, Schlagzeilen, Fotos und Karikaturen aus dem Alltagsleben wurden übermalt oder neu montiert in ein verändertes Verhältnis zueinander gesetzt – als hätte eine Schere sie aus der Realität herausgeschnitten. Bis zum Buch war es von dort aus nicht weit. 1968 erschien Peter-Paul Zahls Erzählband »Elf Schritte zu einer Tat«, 1970 folgte sein erster Roman.

»Von einem, der auszog, Geld zu verdienen« enthält nur noch am Seitenanfang Versatzstücke aus der Werbe- und Warenwelt; sie schlagen den Leserinnen und Lesern jedoch ebenso barsch entgegen wie das unmittelbare »du« der Anrede: kurze, schnelle Sätze, ein Stakkato aus Slang und Kneipengerede, direkt an das Gegenüber gerichtet. Der Protagonist macht im Roman die Erfahrung, dass Lohnarbeit nichts als Entfremdung ist: Je härter man arbeitet, desto geringer der Ertrag. Geld – dessen ist sich auch Zahl bewusst – ist nichts, zu dem man in der BRD auf ehrliche Weise kommen kann, es bleibt stets in den Händen der Besitzenden. In einer Episode steht Zahls namenloser Protagonist am Alexanderplatz und wird sich bewusst, dass selbst die Flucht in die DDR keine Lösung für dieses Problem böte. Im Nachwort zum Buch schreibt Zahl: »Der Roman ›Von einem, der auszog, Geld zu verdienen‹ hat nicht die Aufgabe zu sagen: hier geht’s lang. Ein Roman ›erspart‹ keine soziale Bewegung. Ein Roman kann T e i l einer sozialen Bewegung sein, Stück ihrer Sensibilisierung, ihres Aufruhrs, ihrer Unzufriedenheit. Wer vom Autor Lösungen verlangt, die in der Praxis nur Massenbewegungen erkämpfen können, meint es arg mit der sozialen Revolution, meint es arg mit dem Autor: Er verurteilt ihn dazu, Schamane zu werden, Pfaffe, Bauchredner.«

Das Autoritätsgehabe herrschender Kasten und Klassen blieb Zahl zeitlebens Anlass zu satirischen Interventionen. In der selbstorganisierten Gegenöffentlichkeit der Berliner Subkultur gab es keine Chefs und keine Kunden. Arbeitsteilung im Sinne hierarchischer Zuständigkeiten – erst recht solche, die Kollektive nach Geschlecht oder Position spalten – war allen Beteiligten verdächtig. Sich von unten zu organisieren, bedeutete auch, der Zersplitterung der Gesamtarbeiterschaft in und durch den Produktionsprozess entgegenzutreten. Zahl verstand seinen Betrieb nicht als Dienstleistungsunternehmen, sondern als Ort politischer Organisierung. Demnach lehnte er Druckaufträge ab, die er nicht vertreten konnte. In einem in Nummer 44 vom 11. Dezember 1969 in agit 883 veröffentlichten »Bericht aus unserer Druckerei« heißt es lakonisch, man drucke nicht alles, was Geld bringt.

Am 7. August 1969 durchkämmte die Polizei Zahls Druckerei, die zugleich seine Wohnung war. Nebst den Druckplatten wurden die Ausgaben 24 und 25 von agit 883 beschlagnahmt. Anlass war die Titelseite von Nummer 25: ein fingiertes Fahndungsplakat, das den Berliner Innensenator Kurt Neubauer zeigte, versehen mit dem Untertitel »Gesucht wegen Menschenraub« – eine Anspielung auf die kurz zuvor erfolgte Auslieferung von Bundeswehrdeserteuren aus Westberlin. Die staatliche Repression richtete sich nicht nur gegen ein Druckwerk, sondern auch jene, die es auf die Straße brachten. Verkäuferinnen und Verkäufer von agit 883 wurden immer wieder kontrolliert, festgehalten und mit Anzeigen überzogen. In Ausgabe Nummer 27, erschienen am 14. August 1969, kommentierte das Redaktionskollektiv diese Praxis mit einem Comic auf Seite zwei: Ein Superheld namens Peter-Paul Zahl erwacht darin aus einem Traum und findet sich auf unsicherem Grund wieder, darunter der Satz: »Die zunehmende Faschisierung der Gesellschaft bringt auch zunehmende Rechtsbrüche der Rechtswahrer mit sich.« Der Witz ist bitter, aber ernst: Die Verletzung der Regeln erfolgt im Namen der Ordnung.

Die Behörden stellten vorschnell eine Verbindung zwischen geschriebenem Wort und Gewalthandlungen her. Eine autonom organisierte Druckerei reichte aus, um in ihr Visier zu geraten. Wegen angeblicher Verbindungen zur Bewegung 2. Juni wurde Zahl, – so stellte sich nachträglich heraus – bereits ab 1968 überwacht. 1970 verurteilte man ihn zu einer halbjährigen Haftstrafe, weil er das Plakat »Freiheit für alle Gefangenen« gedruckt hatte und damit Forderungen aus dem Umfeld der RAF und der Bewegung 2. Juni. Zahls tatsächliche Verbindungen zur RAF waren, wie sich später zeigen sollte, äußerst lose. Am 14. Dezember 1972 wurde er erneut festgenommen. Beim Versuch, in Düsseldorf unter falschem Namen ein Auto zu mieten, soll er auf zwei Polizeibeamte geschossen und einen von ihnen schwer verletzt haben.

Zahl stand zudem unter Verdacht, in den vorangegangenen sechs Monaten im Untergrund gelebt und im Februar 1972 als Mitglied der RAF an einem Banküberfall in Westberlin beteiligt gewesen zu sein – ein Vorwurf, der sich später als unbegründet erwies. Am 24. Mai 1974 wurde er wegen »gefährlicher Körperverletzung« bei Widerstand gegen die Staatsgewalt schuldig gesprochen und zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Obwohl keine neuen Erkenntnisse vorlagen, erhöhte das Landgericht Düsseldorf am 12. März 1976 seine Strafe auf 15 Jahre – just in dem Jahr, in dem er hätte entlassen werden sollen. Die Begründung lautete, Zahl sei »ergriffen (…) von einem tiefgreifenden Hass auf unser Staatswesen«. Der Satz benennt kein Delikt, sondern eine Haltung.

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Knast

Zahls erneute Verurteilung erschien Teilen der literarischen Gegenöffentlichkeit als Akt der Gesinnungsjustiz, was nicht stillschweigend hingenommen werden sollte. Unter Federführung von Erich Fried und Helga M. Novak formierte sich eine Gruppe von Unterstützern, die 1976 den Band »Am Beispiel Peter-Paul Zahl« herausgab. Zahl sei nicht aufgrund belastbarer Beweise, sondern wegen seiner politischen Einstellung verurteilt worden. Die Parallele zur Nazijustiz wurde nicht zufällig aufgeworfen. In derselben Zeit, in der Zahls Strafe verschärft wurde, verhandelten westdeutsche Gerichte Naziverbrechen mit bemerkenswerter Milde. Dass Erich Fried Jahre zuvor wegen seiner Verwendung des Begriffs »Vorbeugemord« im Spiegel vor Gericht gestanden hatte und später freigesprochen wurde, verlieh der Solidaritätskampagne zusätzliche Schärfe. Mit »Vorbeugemord« bezeichnete Fried die tödlichen Polizeischüsse auf den anarchistischen Studenten Georg von Rauch. Staatliche Gewalt werde legitimiert, die in Aussicht auf vermutete Entwicklungen angewandt werde. Auch Teile der literarischen Gegenöffentlichkeit sahen sich in ihrer Existenz bedroht.

Zahl verstand sich selbst als politischen Gefangenen. Er bestritt, Mitglied der RAF gewesen zu sein, griff in der Beschreibung seiner Haftbedingungen aber immer wieder auf deren Vokabular zurück. Erfahrungen von Isolation, Zensur und psychischer Zermürbung ließen sich damit zur Sprache bringen. In seinem Text »Literatur im Knast«, 1977 in Konkret erschienen, schrieb er: »Das System der Einzelhaft entstand aus Kapitalisten. Es wurde in den USA auf den Begriff gebracht (Pennsylvania-Sternbauten) und von schwedischen und deutschen Sozialdemokraten modisch (Waschbeton) perfektioniert (Kumla, Ossendorf, Stammheim). Einzelhaft: ins Architektonische verlängerte Nachbildung protestantischer Verzichtsethik, protestantischen Weltekels, protestantischen Mönchswesens, Nachbildung des Monadendaseins (Leibniz): DU SOLLST ZUR EINSICHT KOMMEN. Das System der Einzelhaft: die konsequent gedachte Monade mit Akkordarbeit (die mit 5 Prozent des durchschnittlichen Tariflohns vergütet wird). Einzelhaft = Wahn-Haft.« Die Pointe ist klar: Einzelhaft ist keine Sicherheitsmaßnahme, sondern die Erziehungsphantasie des Staates, die auf Vereinzelung und Gewissenspflicht abzielt.

»Es sitzt der Zahl in seinem Loch / Und hämmert in den Tasten / Von morgens früh bis abends noch / Er lässt die Zeit nicht rasten«, heißt es in einem Gedicht, das Charlie R. 1974 im »Hobbyraum« des Gefängnisses Köln-Ossendorf schrieb und seinem Mithäftling widmete. Das Leben als Schriftsteller in Haft brachte für Peter-Paul Zahl auch eine Überraschung mit sich. Im Februar 1980 erhielt er für seinen im Gefängnis verfassten Schelmenroman »Die Glücklichen« den Bremer Förderpreis für Literatur – ein kulturpolitischer Eklat, den der damalige CDU-Landesvorsitzende Bernd Neumann als »Skandal höchsten Ausmaßes« bezeichnete. Zahl durfte zur Preisverleihung aus der Zelle, die Jury hielt stand. »Die Glücklichen« war unter Bedingungen entstanden, die jedwede Vorstellung von Autorschaft sprengen: geschrieben unter Zensur, zwischen Einzelhaft und Hungerstreik. Der Roman wurde nicht trotz, sondern wegen der Umstände möglich. Er ist kein »Knastroman« im engeren Sinn, sondern der Versuch, das Leben draußen gegen die enge Welt des Drinnen zu behaupten – aus eigensinnigen Perspektiven.

Zum Verständnis von »Die Glücklichen« fehlte dem bürgerlichen Feuilleton nicht nur die Kenntnis des Lokalkolorits, darunter die Gauner- und Gammlersprachen in den Hinterhöfen Kreuzbergs, sondern auch der Klassenbegriff. Zeit-Feuilletonchef Fritz J. Raddatz, der Zahl später einen »Schriftsteller von behutsamer Menschenfreundlichkeit« nennen würde, hielt den Roman für »an den Haft-Schäden zerbrochen«. Das machte er ausgerechnet an einer Liebesszene fest, die im Einverständnis darüber endet, was nicht passieren wird: Ilona, die sich als Prostituierte ihre Drogenabhängigkeit finanziert, kommt am Morgen auf den Erzähler zu, sie sieht aus wie aus einer Anzeige. Das fliederfarbene Negligé soll Verfügbarkeit signalisieren, das Lächeln Zugewandtheit. Jörn reagiert darauf zunächst mit Abwehr – nicht gegen Ilona, sondern gegen das Arrangement. Er entkleidet sie nicht, sondern deckt sie zu, mit einer klaren Begründung: »Ich schlafe nicht mit Frauen, die nicht gerne vögeln.« Beziehung besteht hier nicht in der Besitznahme, sondern im Aushandeln, wie nahe man zueinander kommen will. Fritz J. Raddatz hingegen sah in dieser Szene das »Selbstgesprächs des Isolierten (…) in die Struktur des Romans« hinüberwandern, nicht aber einen gelungenen Dialog über den Umgang mit Körpern durch Worte.

Zahls Schelme sind, anders als Oskar Matzerath in Günther Grass’ »Die Blechtrommel«, keine chiffrierten HJ-Pimpfe und somit keine Alter Egos ihres Erfinders. Das zeigt sich auch im 2002 erschienenem Roman »Der Domraub«, in dem Zahl das in Deutschland randständige Genre des Pikaroromans nochmals ummodelt: Als der verhinderte Partisan Vladimir Heiter das »ganz große Ding« drehen will, kommt ihm ein Bekannter zuvor. Mit dem aus dem Kölner Dom geraubten Schatz führt Heiter Geheimdienste und Polizeiapparate an der Nase herum – bis seine Knastodyssee beginnt. Die Protagonisten von »Die Glücklichen« hingegen sind kleinkriminelle Lumpenproletarier aus Berlin. Ihr großes Ding ist kein Coup, sondern die arbeitsteilig organisierte Praxis von drei Geschwistern im Familienbetrieb: Tresore knacken auf Mutters Geheiß, Planung und handwerkliches Geschick als kollektive Intelligenzleistung. Sie wissen, dass die Ordnung des Kapitals keinen gerechten Tausch kennt.

Exil

Glücklich macht Zahls »Die Glücklichen« ihre Fähigkeit, sich gesellschaftlich nicht zurichten zu lassen. Doch Lumpen – so will es die soziale Stufenleiter – müssen ihre Texte selbst lektorieren. Als Zahl diesen Roman schrieb, war er Gefangener eines Staates, der ihn über Umwege zum Autor machen sollte. Selbst im bürgerlichen Feuilleton durfte er vorkommen, aber nur als »Knastlyriker«. Sein Manuskript »Isolation« wurde im Gefängnis beschlagnahmt; erst im April 1979 erschien es auszugsweise, gerahmt von den Essays etablierter Intellektueller, die sich mit dem Schreiben im Gefängnis, Öffentlichkeit und Zensur beschäftigen. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Im Dezember 1982 wurde Peter-Paul Zahl vorzeitig aus der Haft entlassen. Er verließ den Strafvollzug als einer, der zwar frei war, aber keinen Ort mehr hatte. Die Genossen waren tot, resigniert oder bürgerlich geworden, die Autonomen nicht mehr autonom genug. Was nach Kollektivgeist klang, hatte sich in Milieus und Szenen aufgelöst. In einem Interview von 2011 nannte Zahl die verbliebene Linke »mittelständlerisch, langweilig, pazifistisch«. Das politische Vakuum führt nicht zum Rückzug, sondern zu horizontalen Ausdehnung. Zahl ging zunächst nach Grenada, später nach Nicaragua, dann auf die Seychellen; auf Jamaika blieb er – nicht wegen der Landschaft, sondern der Leute. Der Reggae wurde für ihn zu einer anderen Ausdrucksform des Politischen: antiautoritär, obrigkeitshassend und getragen von einer Tradition der mündlichen Weitergabe, die Katastrophen in Lieder verwandelt. Zahl liebte die anarchoide Struktur der jamaikanischen Gesellschaft, die von Respekt statt Assimilation bestimmt ist. Wer hier als Weißer lebt, so Zahl, muss nicht werden wie die anderen – er wird nicht ausgeschlossen, schlimmstenfalls nur »disrespektiert«. Niemand geht freiwillig. Zahls Exil war kein Urlaub, sondern Konsequenz aus dem, was geblieben war. Dass ihm 2002 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde, weil er zuvor die jamaikanische angenommen hatte, ist mehr als eine Randnotiz. Der Staat, der ihn eingesperrt hatte, erklärte ihn nun auch formell für nicht mehr zugehörig. Zahls Reaktion darauf war lakonisch: Er habe zwei Heimaten, schrieb er, und werde in beiden gebraucht. Gestorben ist er am 24. Januar 2011 an einer Krebserkrankung in Port Antonio auf Jamaika; sein Tod blieb so unspektakulär wie zuletzt sein Leben – fernab jener Öffentlichkeit, die ihn zuerst kriminalisierte und später als Autor von »Jamaika-Krimis« – darunter die Romane »Im Todestrakt, Kampfhähne« und »Lauf um dein Leben« – folklorisierte. Im Gedicht »verkehrte welt (für breyten breytenbach)«, 1983 im Band »Aber nein, sagte Bakunin und lachte laut« erschienen, kommt Peter-Paul Zahl einmal mehr knapp heran an die knappe Wirklichkeit: »der kanzler liebt popper und kant / popper und die popper lieben den kanzler / so wird kant verpoppt und abgekanzelt / opfer: nicht nur die philosophie / wer das chaos will / stimmt für bürokratie und kapital.« Zahls Vorstellung von Autonomie war – ganz im Sinn von autonomia – keine, die sich mit diesen Verhältnissen hätte versöhnen lassen. In pervertierter Form begegnen sie uns heute an fast jeder Straßenecke – als Zwang zur Selbstoptimierung, Scheinselbstständigkeit, ewig klackernde Laptopexistenz ohne Verortung in Zeit und Raum. Ihre Subjekte sind frei flottierende Marktproduzenten, die sich für zu individuell halten, um ihre Lage kollektiv zu erkennen. In »Lumpen im Schließfach« schrieb Peter-Paul Zahl: »Das Lumpenproletariat braucht keine ›Führer‹ aus anderen Klassen, es braucht auch keine Sprüche oder weisen Ratschläge. Es braucht unabdingbar die Solidarität, die organisierte Hilfe jener, die an einer völligen Umwälzung der Welt interessiert sind.« Für jene Klasse vor der Klasse, die noch keine für sich ist, hat Peter-Paul Zahl geschrieben, gedruckt, gekämpft. Sein letzter Reggae ist kein Abgesang, sondern ein schräger Takt gegen jene Ordnung des Kapitals, die sich für alternativlos hält: »anarchie aber / sagt kant / ist ordnung / ohne herrschaft.«

Barbara Eder ist freie Journalistin. Zuletzt erschien an dieser Stelle am 19./20. Juli 2025 »Der Zungenredner« über den Filmemacher Sergej Paradschanow

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