Essaouira
Von Maxi WunderUngeheuer! Udo hat sich bescheißen lassen. Wir befinden uns auf einem Fischmarkt in Essaouira, einer Küstenstadt von Marokko. In der Mitte des überdachten Innenhofs eines archaischen Gemäuers werden tote Fische zum Kauf präpariert, begleitet von aufgeregten Möwen und interessierten Katzen. Stände mit Kochgeschirr, Gewürzen und Kräutern säumen das Geschehen. »Dieser Berber hat dir umgerechnet 15 Euro für ein paar vertrocknete Blätter abgeknöpft!«, schimpft Doris. – »Berber sagt man nicht«, korrigiert Udo seine aufgebrachte Freundin. »Die Leute hier nennen sich selbst Amazigh, das heißt übersetzt ›freie Menschen‹. Außerdem habe ich runtergehandelt … einen Euro. Und er hat einen Aufkleber von Eisern Union auf seiner Gewürzmühle!«
Schilder in französischer Sprache verraten die Wirkungen der in Körbchen präsentierten Teemischungen. Neben »Anti-Diabètique«, »Anti-Stress« und »Anti-Kilos« wird »Viagra homme« (mit Ginseng) und »Viagra Express femme« (?!) aus Arganöl feilgeboten. Udo hat sich einen »thé royal« mischen lassen. Die Mixtur ist wohlduftend und besticht durch ihre unaufdringliche Süße aufgrund der Zutaten »réglisse«, also Süßholz, und »canelle«, Zimt. Außer Kamille enthält sie Wacholder, Kardamom, Sternanis, Nelken, Ingwer, Eisenkraut, Hibiskus, Rosenblätter und Ginseng oder »Viagra homme – pour monter les rideaux« – sinngemäß: »zum die Wände hochgehen«. »Deshalb ist das auch so teuer«, meint Udo. »Mach dir bloß keine Illusionen«, warnt ihn Doris. »Ich rechne in unserem Alter mit einem paradoxen Effekt.«
Wenig paradox ist indes die Wirkung industrieller Hochseefischerei vor Marokkos Küste. Die Fanggründe der ca. 120.000 Kleinfischer sind überfischt, die Bestände von Sardinen, Schwertfischen und Tintenfischen stark zurückgegangen. Viele Fischer haben keine moderne Ausrüstung und ein zu niedriges Einkommen. Noch übler dran sind die Sahrauis, die Bewohner der südlich an Marokko grenzenden Westsahara. Das ehemals von Spanien, nun von Marokko besetzte Land muss die Ausbeutung seiner reichhaltigen Fischgründe durch EU, China, Russland und Marokko dulden.
Essaouira betreibt zwei kleine Fischmärkte, den oben erwähnten und einen Draußenmarkt direkt am Hafenbecken. Touristen können ihren Einkauf ein paar Meter weiter zubereiten lassen und dann in Leihgeschirr ins Hotel mitnehmen, um ihren marokkanisch gewürzten Poisson Saint Pierre gemütlich vor der Glotze zu verzehren. Im TV gibt es kurdische Männerchöre, Produktwerbung von Damen in Ganzkörperburka und viele bärtige Männer mit traditioneller Kopfbedeckung, die die Welt und den Koran erklären. Palästinensische Märtyrer werden auf einem Kanal geehrt, auf einem anderen laufen christliche Erbauungsshows auf Arabisch.
Weil es im Januar am afrikanischen Atlantik stürmt und regnet, pratzelt auch bei uns der thé à la menthe, der nordafrikanische Minzetee, aus einem silbernen Blechkännchen heiß und hellgrün in kleine Gläser, so dass obenauf eine »mousse« entsteht, ein Schaum – die Minzecrema. Gegen Halsschmerzen. Denn nicht jeder will nach dem Teetrinken gleich »die Wände hochgehen«.
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