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Aus: Ausgabe vom 31.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Jazz

Der Sound der Stadt

Die Kora als klingendes Perpetuum Mobile: Toumani Diabatés Album »Djelika« wird neu veröffentlicht
Von Andreas Schäfler
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Toumani Diabaté (10.8.1965–19.7.2024)

Diese Wiederbegegnung mit dem großen Kora-Virtuosen Toumani Diabaté, der vor anderthalb Jahren mit knapp 60 viel zu früh verstarb, kommt überraschend und beschert einem ein Klangbad in unverfälschter, rein akustischer Musik aus dem westafrikanischen Mali. Soeben hat das Chrysalis-Label Diabatés 1993 für Hannibal Records aufgenommenes Album »Djelika« wiederveröffentlicht. Es erscheint nun zum ersten Mal auf Vinyl und klingt so frisch und belebend, dass es die meisten weltmusikalischen Fusionexperimente, die seitdem unternommen wurden, auch heute noch mühelos aussticht.

Ein Jahrzehnt nach seinem Solodebüt »Kaira«, das nicht nur die 21saitige Stegharfe Kora schlagartig bekannt gemacht, sondern auch das weltweite Interesse an malischer Musik geweckt hatte, war Diabaté erneut in London zu Gast. Zusammen mit Kélégui Diabaté am Balafon (einem archaischen Xylophon) und Bassekou Kouyaté am Ngeni (einem bundlosen Vorläufer des Banjos) absolvierte er einige Konzerte und spielte, wiederum für das Produzentengespann Lucy Duran und Joe Boyd, das kunstvolle Instrumentalalbum »Djelika« ein.

Um diese geschmeidigen, sehr obertonreichen und fast entrückt wirkenden Griot-Klänge im Boden der Tatsachen zu verankern, hatte man zusätzlich die europäischen Kontrabassisten Javier Colina und Danny Thompson aufgeboten – doch entweder wurden ihre Beiträge im Studio gnadenlos nach hinten gemischt, oder die Herrschaften waren tatsächlich zu ehrfürchtig, um wie gewohnt aufzutrumpfen. Dass Thompson auf Samtpfoten Diabatés großes Kora-Solo in »Cheik Dumar Ba« umschmeichelt, ist immerhin gerade noch identifizierbar. Aber die perlenden Klänge von Kora und Gefolge verdichten sich auch so in immer neuen Variationen zu einem zauberisch klingenden Perpetuum mobile. Gänzlich unerschrocken tritt dann im pentatonischen Stück »Tony Vander« special guest Dian Diarra am Kamalengoni (einer sechsaitigen Harfe, die auch fast gitarristische Bendings erlaubt und hier regelrecht funky gespielt wird) in Erscheinung.

Die Spontaneität der quirligen Musikszene von Malis Hauptstadt Bamako bricht sich schon im eröffnenden Titelstück Bahn: Da wird, wenn nicht alles täuscht, über Ennio Morricones Filmmusik zu »Zwei glorreiche Halunken« improvisiert – und tatsächlich bestätigen Lucy Durans aktualisierte Liner Notes diesen Sachverhalt. Wie nah an Blues und sogar an Rock das Repertoire von »Djelika« mitunter heranreicht, stellt das weltoffene Allstar-Trio dann vor allem in der Balafon-Paradenummer »Kandjoura« unter Beweis.

Man käme hier dennoch nicht auf die Idee, dass Diabaté zeitlebens ein glühender Fan von James Brown war (Jahre später konnte er kurzzeitig sogar dessen Saxophonisten Pee Wee Ellis in seine Band integrieren), und noch weniger darauf, dass er als Teenager ausgerechnet für die Scorpions geschwärmt hatte. Im weiteren Verlauf seiner Karriere kam es dann noch zu Kollaborationen mit Taj Mahal, mit dem Jazzposaunisten Roswell Rudd und, wenn auch nur für einen Song, mit Björk – ein erstaunlicher Wirkungskreis, wenn man bedenkt, dass Diabaté Auslandsreisen nur dann antrat, wenn die Sterne nach Ansicht seines spirituellen Lehrmeisters dafür günstig standen.

Joe Boyd beschreibt in seinem Buch »And the Roots of Rhythm Remain«, wie schwierig Diabatés von seinem Vater ererbte Kora zu stimmen war: mit Hammerschlägen auf die Gummiringe, die jede einzelne Saite fixierten. Später sollte Diabaté dann auf ein Instrument mit Wirbeln umsteigen, wie man sie von der klassischen Konzertharfe kennt. Nach Boyds heutiger Meinung reicht »Djelika« nicht ganz an die Intensität der beiden »Songhai«-Alben heran, die sein Schützling leicht zeitversetzt mit der progressiven Flamenco-Formation Ketama aufnahm. Doch wer weiß, vielleicht finden die ja bald ebenfalls Eingang in Toumani Diabatés Reissue-Katalog. Wer nicht so lange warten will, kann sich schon auf das neue Album vom Berliner Trio des ivorischen Balafon-Virtuosen Aly Keïta freuen, das Anfang März erscheinen wird.

Toumani Diabaté: »Djelika« (Chrysalis)

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