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Aus: Ausgabe vom 31.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Geschichtspolitik

Wo geht’s zur Weltmacht?

Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker kritisieren die staatstragende deutsche Erinnerungskultur
Von Gerhard Hanloser
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Gegen neurechte Unkultur: Hadija Haruna-Oelker und Max Czollek

Da waren sich zwei einig. Das wurde schnell klar, als sich einen Tag vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag der parteilose Staatsminister für Kultur und Medien der Bundesrepublik Wolfram Weimer und Professor Michael Wolffsohn beim TV-Sender phoenix trafen, um zahm moderiert über ritualisiertes Gedenken zu reflektieren. Zwar wollte man im Gespräch »Unter den Linden« angeblich auch über »Erinnerungskultur in der Kritik« sprechen, doch das fiel aus. Die beiden Konservativen spielten sich die Bälle zu: Die Singularität der Schoah dürfe nicht in Abrede gestellt werden und dass Israel angeblich bei in Deutschland Befragten eher unbeliebt ist, sei »krass« und skandalös, während vom Genozid in Gaza natürlich geschwiegen wurde. Als vom hierzulande weitverbreiteten Antisemitismus die Rede war, blieben beide einigermaßen nebulös. Doch die entscheidenden Schlagworte machten deutlich, worum es ging: Hochschulen, Documenta. »Linken Antisemitismus« also, der laut Weimer in den letzten Jahren »geradezu explodiert« sei. Weimer wurde konkret: Dass die Partei Die Linke in Neukölln Ahmed Abed als Bürgermeisterkandidat ins Rennen schickt, sei eine »Koordinatenverschiebung in der Erinnerungspolitik«. Offensichtlich mehr Kulturkämpfer als Bildungsbürger, will der Staatsminister in dem linken Rechtsanwalt für Sozial- und Arbeitsrecht Abed ganz wie die Springer-Presse einen »lauten Antisemiten« erkennen. Wer da Belege, Begründungen, Argumente fordert, hat nicht verstanden, wie der Antisemitismusvorwurf gegen links funktioniert: als Gerücht und Waffe.

Dieser neurechten Unkultur haben Hadija Haruna-Oelken und Max Czollek den Kampf angesagt. Ihr Buch »Alles auf Anfang. Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur« benennt all jene Probleme, die Weimer und Wolffsohn wohlweislich umschiffen: Rechtsradikal ist mit der AfD das neue Normal und die größte Gefahr ist, dass sich CDU und AfD inhaltlich auf vielen Feldern kaum mehr unterscheiden. Brandmauer? I wo! Gauland, Klöckner und auch Steinmeier verbindet schließlich die Politik der Normalisierung von Heimatliebe und Nationalstolz. Die Anti-Woke-Demagogie von rechts ist ein weit aggressiveres und gefährlicheres Programm als verfehlte linke identitätspolitische Manöver. Vor allem, so formulierte es Max Czollek, hat sich das erinnerungskulturelle Selbstverständnis eines großen Teils der deutschen Gesellschaft von jedem Bezug auf die eigene Gewaltkontinuität verabschiedet. Damit lässt sich selbst die rechteste Migrationspolitik begründen. Derlei diskursive Verschiebungen lassen sich am Beispiel der Parole »Nie wieder ist jetzt« aufzeigen. Sie wird mittlerweile genutzt, um eine »verschärfte« Asylpolitik moralisch zu unterfüttern, schließlich gelte es, »importierten Antisemitismus« zu bekämpfen.

Differenziert gehen Haruna-Oelker und Czollek auf den 7. Oktober und die Folgen ein, notieren, dass für die universelle Anerkennung von Leid und Traumata von Juden und Palästinensern in Deutschland mit seiner »Staatsräson« kein Platz ist. So werden Israel und Gaza zu einer Bühne der deutschen Inszenierung der angeblich erfolgreichen Aufarbeitung der eigenen Gewaltgeschichte. Ein makaberer Vorgang auf Kosten der Menschen in Israel und Palästina. Theoretische Bezüge der Autoren zur eher linksliberalen Soziologie werden durch Begriffe wie »Dominanzkultur« und »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« markiert.

Was die beiden konkret beschreiben, ist korrekt erfasst. Wie sie schreiben, ist Geschmackssache. Das Buch atmet den Geist der Podcasts. Ihr Text ist eine Art verschriftlichter salopper Dialog, der aus langen, wenig strukturierten Zeitkommentaren besteht. Das Buch ist keines für die Zielgruppe Ü50, sondern ein anregendes Logbuch für eine neue Generation. Ob es in Form und Inhalt reicht, um den Exponenten und Strategen einer neomilitarisierten Gesellschaft ausreichend viel entgegenzusetzen, darf man bezweifeln. Um es zuzuspitzen: Es braucht gar kein »Alles auf Anfang«. Wer nach einer linken Erinnerungskultur frei von Staatshörigkeit sucht, dem wäre mit einem Blick auf das antiimperialistische und gleichzeitig antifaschistische Werk vieler DDR-Künstler durchaus geholfen. Oder mit einer Reflexion auf neulinke Aktionsformen um 1968, als Kolonialdenkmäler im öffentlichen Raum ebenso attackiert wurden wie Deserteure unterstützt. Ideologiekritik und Materialismus helfen. Etwa zu durchschauen, dass derzeit von herrschender Seite gezielt die traditionell rechte Ideologie des Antisemitismus nach »links« verklappt werden soll. Ein erneuter Griff nach der Weltmacht war durch Antisemitismus und Völkermord kontaminiert. Erinnerungskultur von oben soll die Vergangenheit so bewältigen, dass der Weg frei ist für neue imperialistische Avancen.

Max Czollek/Hadija Haruna-Oelker: Alles auf Anfang. Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2025, 235 Seiten, 24 Euro

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