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Aus: Ausgabe vom 31.01.2026, Seite 6 / Ausland
Brief aus Jerusalem

Das Leid der Kinder

Brief aus Jerusalem: Die Ermordung Hind Rajabs durch die israelische Armee war kein Einzelfall
Von Helga Baumgarten
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Hind Rajab ist weltweit zu einem Symbol für die mörderische Unterdrückung der Palästinenser geworden (Barcelona, 29.1.2026)

Zwei Jahre sind seit diesem brutalen Mord in Gaza vergangen: an Hind, sechs Jahre alt, und ihrer zwölfjährigen Cousine Lajan, an der gesamten Familie ihres Onkels und an den zwei Sanitätern, die Hind an jenem 29. Januar 2024 hätten retten sollen. Kaouther Ben Hanias Film »Die Stimme von Hind Rajab«, der inzwischen für den Oscar nominiert wurde, zeigt die Tragödie in allen Details. Er läuft derzeit in deutschen Kinos.

Wenige Monate nach Hind wurden die neugeborenen Zwillinge Asser und Aysel sowie ihre Mutter und Großmutter durch israelische Bomben getötet – der Vater überlebte, weil er die Geburt registrieren lassen wollte. Es war ein weiteres der unzähligen Kriegsverbrechen. Seit Beginn des weltweit und vor allem in Deutschland gefeierten »Waffenstillstands« wurden in Gaza 100 Kinder getötet, wie UNICEF Mitte Januar meldete. Und fast täglich kommen weitere dazu. »Save the Children« ermittelte in einem Bericht, dass die völkermörderische israelische Armee zwischen Oktober 2023 und September 2025 das Leben von 20.000 Kindern beendete. Mehr als 1.000 Babys gehörten zu den Opfern, Babys, die kein Jahr alt werden durften.

In der Westbank ist die Lage nicht viel besser. 2025 wurden dort 54 Kinder von Armee und Siedlern umgebracht. »Defense for Children Palestine« veröffentlicht auf seiner Website Bilder und Todesdaten der jungen Opfer. Am 10. Dezember wurde der 17jährige Ahmed Radschabi in Hebron erschossen, fünf Tage später der 16jährige Ijad Abahra in Silat Al-Harithja bei Dschenin, am 20. Dezember traf es den 16jährigen Ammar Taamra in Tuka bei Bethlehem und am 22. Dezember starb der ebenfalls 16jährige Rajan Abu Maada in Kabatija bei Dschenin im Kugelhagel der Armee. Im neuen Jahr ging es genauso weiter: Am 19. Januar beendete ein Soldat das Leben des 15jährigen Mohammed Naasan in Al-Mughajer bei Ramallah. Auch in der Westbank werden Kinder ermordet. Am 21. Februar 2025 erschoss die Armee die achtjährige Dschannat Mutawar in Sair bei Hebron in der elterlichen Wohnung. Dschannat hatte versucht, ihren kleinen Bruder vom Fenster wegzuziehen, damit er nicht getroffen wird.

UNICEF hat eine neue Initiative für die Kinder in Gaza gestartet: »Back to Learning« (Zurück zum Lernen). Es ist, so der UNICEF-Sprecher James Elder am Dienstag in Genf, die weltweit größte Notfallaktion, um Kindern zu ermöglichen, wieder zur Schule zu gehen. In einer ersten Stufe sollen davon 336.000 Heranwachsende profitieren. Denn die Lage ist unvorstellbar, wie die Daten von UNICEF zeigen: 60 Prozent der Schulkinder haben derzeit keine Möglichkeit, in ihrer alten Schule zu lernen. 90 Prozent der Bildungsstätten in Gaza sind entweder beschädigt oder vollkommen zerstört. Mehr als 300.000 Kinder unter fünf Jahren werden wohl unter schweren Entwicklungsstörungen leiden, weil das gesamte System der frühkindlichen Versorgung zusammengebrochen ist.

Viele wissen nicht, dass Gaza vor dem Krieg eine der höchsten Alphabetisierungsraten weltweit hatte. Für die Menschen dort war, laut Elder, »Erziehung ein Grund, stolz zu sein. Damit half sie beim Durchhalten auch in den schlimmsten Zeiten. Vor allem aber trug sie zum Fortschritt für die kommenden Generationen bei. Heute ist dieses Erbe bedroht: Schulen, Universitäten und Büchereien sind zerstört. Der über Jahre kontinuierliche Fortschritt ist ausgelöscht.«

UNICEF betreibt derzeit 100 Lernzentren in Gaza. Bis Ende des Jahres belaufen sich die Kosten auf 86 Millionen US-Dollar, genau die Summe, die weltweit in ein bis zwei Stunden für Kaffee ausgegeben wird, worauf Elder provokativ hinweist. Das Programm »Back to Learning« ist eine entscheidende Hilfe für das schlichte Überleben als Menschen: für alle Familien in Gaza und vor allem für die Kinder und Jugendlichen. Fast die Hälfte der Bewohner ist, wie wir wissen, unter 18. Es geht also um die Zukunft Gazas, wie Elder weiter argumentiert: »Unser Programm ist eine Brücke, die ermöglicht, dass jedes Kind wieder in die Schule gehen kann. Momentan halten wir diese Flamme der Hoffnung am Leben (…). Kinder sollen wieder Routine für ihren Tagesablauf bekommen. Würde ist gerade auch für die Jugendlichen zentral. Und alle brauchen eine klare Richtung in ihrem Leben (…). So wird Hoffnung lebendig. So wird den Kindern wieder eine Zukunft gegeben.«

In der Westbank setzt der israelische Siedlerkolonialismus derweil sein Werk der Unterdrückung und Zerstörung fort. Kein Tag vergeht ohne Meldungen von Häuserzerstörungen und Vertreibung der Bewohner. Die Knesset hat vor wenigen Tagen ein Gesetz verabschiedet, das Palästinensern mit einem Abschluss an einer palästinensischen Universität verbietet, an Schulen in Jerusalem tätig zu sein: Wer soll nun dort unterrichten, wenn es keine Lehrer mehr gibt? Selbst ein harmloses Jugenddorf in Kufr Naama bei Jerusalem wird permanent von Siedlern – geschützt von der Armee – angegriffen. Am Donnerstag besuchte eine Delegation von EU-Vertretern in Palästina das Dorf, um Solidarität zu zeigen, wie Al-Dschasira live berichtete. Siedler attackierten dabei die Sicherheitsleute der Diplomaten. Niemand ist sicher vor diesen völkermörderischen Rassisten.

Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«

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