Aus nach über 50 Jahren?
Von Gudrun Giese
Diesen Sonnabend ist der letzte Betriebstag des Chemnitzer Congress-Hotels, das 1974 als Interhotel »Kongreß« eröffnet wurde. Insgesamt 53 Beschäftigte verlieren durch die Schließung ihre Jobs, wogegen sie am Sonntag mit einer Lichterkette am Hotel, dem höchsten Gebäude der Stadt, protestieren wollen.
Die Entscheidung der Betreibergesellschaft Maya Hotel Operations kam überraschend: Zum 31. Januar beendet das Congress-Hotel Chemnitz seinen Betrieb. Über die Gründe könne nur spekuliert werden, sagt Thomas Lißner von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) Dresden-Chemnitz gegenüber jW am Freitag. Betreiber- und Eigentümergesellschaft würden sich wechselseitig für die Schließung verantwortlich machen. Fest steht jedenfalls, dass das Hotel 2025, als Chemnitz zu den Kulturhauptstädten gehörte, nahezu ständig ausgebucht war. Die Beschäftigten hätten in der Zeit »monatelang am Anschlag gearbeitet und Überstunden angehäuft«, heißt es in einer Mitteilung der NGG. Es sei typisch für große Immobilien- und Investmentfirmen, in den Hotelmarkt einzusteigen, um kurzfristig Profit zu machen, ohne nachhaltig in die Häuser zu investieren. Erst Ende 2023 hatte die GCH Hotel Group das Congress-Hotel übernommen und die Maya Hotel Operations als Betreiber eingesetzt. Gebäudeeigentümer ist das Immobilienunternehmen Aroundtown S. A.
In den vergangenen Tagen hat sich auch der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze (SPD) eingeschaltet. Bei einem Treffen mit der Belegschaft sicherte er seine Unterstützung zu, die etwa in einem Gespräch mit dem Hauseigentümer bestand. Gegenüber den Beschäftigten führte Schulze aus, dass eine Einstellung des Hotelbetriebes aus seiner Sicht nicht zwingend sei. Das sehen die Beschäftigten und die NGG vor Ort ganz genauso. Eine Schließung sei nicht alternativlos, so Lißner. »Jetzt erwarten wir, dass Betreiber und Eigentümer sich Gesprächen über andere Lösungen nicht länger verweigern.« Allerdings hat Maya Hotel Operations bereits vor einigen Tagen erste Fakten geschaffen und den Auftrag der externen Reinigungsfirma gekündigt, bei der 15 Menschen beschäftigt waren. Zum Stand Monatsletzter verblieben damit noch 38 Beschäftigte, inklusive sieben Auszubildende. »Diese relativ geringe Zahl ergibt sich daraus, dass nicht alle Zimmer belegt wurden und die Reinigung ausgelagert war«, erläutert Lißner. Die NGG sei nun auf mehreren Ebenen aktiv: Zum einen hoffen Gewerkschaft und Belegschaft auf die Übernahme des Hotels durch einen neuen Betreiber. Zum anderen soll nach Möglichkeit in Kürze mit Maya Hotel Operations über einen Sozialplan für die Beschäftigten verhandelt werden. »Ein längerer Leerstand des Hauses wäre jedenfalls gleich aus mehreren Gründen verkehrt«, so Gewerkschaftssekretär Lißner. »Das einstige Interhotel ist mit seinen 97 Metern das höchste Gebäude der Stadt, gilt als Wahrzeichen und bietet Menschen Beschäftigung. Wir fordern, weiterhin alles zu tun, um den Hotelbetrieb und die Arbeitsplätze zu erhalten.«
Das einstige Interhotel »Kongreß« hat mehrere Eigentümer- und Betreiberwechsel hinter sich: Ab 1990 wurde es von der Accor-Gruppe betrieben, dann von Dorint. In den zurückliegenden neun Jahren wechselten die Betreiber insgesamt neunmal bis hin zum Ende 2023 eingestiegenen Unternehmen. Um ihre Forderung nach einer Fortführung des Hauses zu untermauern, rufen die Beschäftigten die Chemnitzer Stadtgesellschaft an diesem Sonntag zur Teilnahme an der Lichterkette um das Hotelgebäude herum ab 18 Uhr auf. Das Motto der Aktion lautet: »Gemeinsam mit Herz: Investieren statt ruinieren. Damit die Lichter weiter brennen.« Es solle ein leuchtendes Zeichen oder auch ein Warnsignal gesetzt werden, betont Lißner. Es gehe nicht an, dass sich Eigentümer und bisheriger Betreiber aus der Verantwortung stehlen. Sie hätten die Pflicht, für eine zukunftsfähige Lösung zu sorgen. »Sonst droht nach über 50 Jahren ein Ende des Traditionshauses.«
Nach einer Solidaritätsadresse des Bundestagsabgeordneten der Linksfraktion im Bundestag, Gregor Gysi, hat die BSW-Fraktion im Chemnitzer Stadtrat am Freitag ihre Unterstützung signalisiert und betont, dass es sich bei der Schließung nicht um ein »rein betriebsinternes Thema« handelt, »sondern eine politische und eine gesellschaftliche Dimension« gegeben ist.
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
IMAGO/HärtelPRESS18.09.2025Zwischen Chemnitz und Beijing
Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa20.04.2021Neuer Anlauf im Osten
Regio:
Mehr aus: Inland
-
Warum wird in Stammheim verhandelt?
vom 31.01.2026 -
Freihändige Förderung
vom 31.01.2026 -
Gegen Terror und Müllsäcke
vom 31.01.2026 -
Auf dem Rücken der Beschäftigten
vom 31.01.2026