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Aus: Ausgabe vom 26.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Der Unermüdliche

Zum Tod des Gewerkschafters, Kommunisten und früheren junge Welt-Kollegen André Scheer
Von Daniel Bratanovic
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Ansteckend freundlich: André Scheer (1972–2026)

Als er ging, riss er ein Loch. Das erkannten alle sofort. Zehn Jahre, von 2009 bis 2019, war André Scheer als Redakteur der Tageszeitung junge Welt tätig, acht davon als Leiter des Ressorts Außenpolitik. Ganz sicher haben nur wenige die Arbeit in der Redaktion, aber auch das Profil des Blatts in dieser Zeit so geprägt wie er.

Tageszeitung machen, mit kleiner Mannschaft zumal, heißt unter hohem Druck zu arbeiten, das abverlangte ­Tempo kann überfordern. Für André allerdings schien die Zeit langsamer zu laufen. Als machte es keine Mühe, schaufelte er weg, was Tag für Tag wegzuschaufeln war, und wer sich kritisch-journalistisch die politische Welt jenseits der Grenzen an Rhein und Oder vorknöpft, hat ganze Berge vor sich. André schrieb schnell und präzise, geradlinig und schnörkellos, parteiisch und professionell.

Wie er schrieb, so war er. Direkt, unverstellt und unnachgiebig im Umgang ließ er die neuen Kollegen im Ressort seine Schule durchlaufen. Wer immer sie vorher sein mochten, André machte sie zu Redakteuren einer marxistischen Tageszeitung, die unter prekären Bedingungen den regelmäßigen Zumutungen dieses Berufs standhielten. Ehemalige des Ressorts, die unter ihm gearbeitet haben, berichten, alles, was sie über den Journalismus wissen, stamme von ihm. Er schonte sie nicht. Ein wiederkehrendes, nordisch gedehntes, leicht genervtes, aber stets freundschaftliches »Nu mach ma hinne!« bedeutete ihnen, jetzt einen Zahn zuzulegen. Hatte André sein Tagwerk vollbracht – er war meist, wahrscheinlich immer, früher fertig als die anderen – trommelte er mit seinen Fingern auf der Schreibtischplatte. Die gesamte Redaktion hörte das. Die Schlagfrequenz gab das inoffizielle Schlussspurtsignal.

Haltung und Profession, und das heißt hier: ein marxistischer und internationalistischer Journalist zu sein, bildeten sich zügig heraus. 1972 in ein kommunistisches Elternhaus in Hamburg geboren, unternahm André schon bald erste Versuche der Textproduktion in der UZ, der Wochenzeitung der DKP; in einem historischen Moment indessen, als die kommunistische Weltbewegung ihren Tiefpunkt erreicht hatte. Zeichen der Hoffnung, dass es wieder aufwärts gehen könnte, fanden sich damals wie heute garantiert nicht in der Bundesrepublik, dafür aber an anderen Orten des Planeten. 1998 gewann Hugo Chávez die Präsidentschaftswahlen in Venezuela. Mit seinem Amtsantritt verkündete der Exmilitär damals für das lateinamerikanische Land die »Bolivarische Revolution« und den Aufbau eines »Sozialismus des 21. Jahrhunderts«. Das war zu einer Zeit, als sich Sozialdemokraten und andere halbwegs links Gewalkte den Neoliberalismus mit seinen Verheerungen einleuchten ließen und die USA als übriggebliebene Großmacht die restliche Welt nach Gutdünken »unipolar« zuzurichten sich anmaßten, ein bemerkenswerter Kontrapunkt. Wer wach war und verlangte, dass andere Verhältnisse einkehren mögen, schaute nach Venezuela. So auch André.

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Seine Solidarität stand nie zur Diskussion: André Scheer (Berlin, 28.5.2019)

Seine Berichte und Analysen, sein 2004 veröffentlichtes Buch »Kampf um Venezuela« (Neue Impulse) gaben hierzulande der Linken Maß und Richtung in der Bewertung der dortigen Vorgänge. Ab 2004 arbeitete André an der venezolanischen Botschaft in Berlin, bevor er dann zur jungen Welt wechselte. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Ressort Außenpolitik zu einer Instanz in der deutschsprachigen Berichterstattung der (Klassen)Kämpfe nicht nur in Venezuela, sondern in ganz Lateinamerika. Als wäre das nicht schon genug, nahm er nebenher ein Fernstudium auf, schrieb weitere Bücher und ließ später, da war er dann bereits Sekretär für die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi (erst für Handel, dann für Schiffahrt), die Leser der Zeitung an seinem ­Hobby teilhaben: die Rundfunkgeschichte als Geschichte des Klassenkampfs und der internationalen Solidarität. Aus einer zehnteiligen Serie auf den Thema-Seiten der jungen Welt wurde der Band »Klassenkampf im Äther. 100 Jahre Rundfunk in Deutschland«, der 2023 im Verlag 8. Mai erschien.

Und noch immer ist damit sein schier unermüdliches Schaffen nicht voll erfasst. So ist auch die linke Nachrichtenplattform Redglobe sein Werk. Vom Gebrauchswert dieser kleinen Website für solche, die an einer Taxonomie der übriggebliebenen kommunistischen Organisationen interessiert sind, kann eine Anekdote erzählen. Um Ostern 2019 befand ich mich mit meiner Freundin in Sevilla und lief dort zufällig an einer Kundgebung streikender Angestellter im öffentlichen Nahverkehr vorbei. Flugblätter wurden verteilt, das ganze linksradikale Spektrum war vertreten. Eines stammte von einem Partido Comunista de los Trabajadores de España. Ich hatte noch nie von dem Laden gehört, wollte mehr wissen. Die Internetsuchmaschine spuckte einen einzigen Treffer aus – und gleich mit befriedigenden Informationen. Er stammte von André beziehungsweise Redglobe.

Immer auf Sendung, immer unter Strom waren Internationalismus und Antiimperialismus bei ihm tief verankert. Gefestigt noch durch kritische Reflexion war diese Haltung für ihn eben kein Binärcode der Weltbetrachtung. Den Niedergang der Bolivarischen Revolution hat er klar gesehen, dennoch stand seine Solidarität mit Venezuela angesichts der Attacken des US-Imperialismus nicht zur Diskussion. Nach der in jeder Hinsicht regierungskriminellen Entführung von Nicolás Maduro durch US-amerikanische Special Forces wollte die junge Welt von André eine Einschätzung zum Vorgang und zur weiteren Entwicklung. Wer wäre geeigneter gewesen? Er sagte ab. Er sei zu schwach, seit Monaten schon. Eine zu lange unerkannte Krankheit machte ihm schwer zu schaffen. Am vergangenen Donnerstag ist André Scheer im Alter von 53 Jahren in Berlin gestorben.

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