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Aus: Ausgabe vom 24.01.2026, Seite 7 / Ausland
Brief aus Jerusalem

Institutionalisierte Politik der Folter

Brief aus Jerusalem: Israelische Organisation B’Tselem veröffentlicht Bericht zu inhaftierten Palästinensern
Von Helga Baumgarten
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Wer überlebt, kehrt geschunden zurück: Ankunft freigepresster Palästinenser in Khan Junis (13.10.2025)

Die Lektüre des neuen Berichtes der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem ist kaum zu ertragen. Unvorstellbar das Ausmaß an Gewalt, an menschenverachtendem Umgang mit den palästinensischen Gefangenen, an Folter in allen Formen, das hier offengelegt wird. Knapp zusammengefasst auf 17 Seiten ist »Living Hell. Das israelische Gefängnissystem als ein Netzwerk von Folterlagern« eine Aktualisierung des Berichtes »Willkommen in der Hölle« vom Juli 2024, der die »unmenschliche Behandlung von Palästinensern, die seit dem 7. Oktober 2023 in israelischer Haft sind«, erstmals beleuchtete. B’Tselem stützt seine Analyse auf offen erhältliche Informationen sowie auf persönliche Interviews mit freigelassenen Gefangenen. Alle Gespräche können auf der Webseite der Organisation nachgehört werden.

Allein die statistischen Angaben (hier in gerundeten Zahlen) sind harte Kost. 11.000 sogenannte Sicherheitsgefangene werden in diesen Folterlagern festgehalten: 7.500 aus der Westbank und Ostjerusalem, 3.000 aus Gaza und 500 Palästinenser mit israelischem Pass. Von diesen 11.000 Gefangenen werden 3.500 in Verwaltungshaft festgehalten, also ohne Anklage und reguläres Gerichtsverfahren. 2.600 der Gefangenen aus Gaza werden als »illegale Kämpfer« qualifiziert und können so schlicht endlos in Haft gehalten werden. Darunter befinden sich auch Ärzte wie der von Israel entführte Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses in Nordgaza, Hussam Abu Safija. Nicht vergessen dürfen wir 350 Jugendliche und Kinder und 48 Frauen.

84 Gefangene, alle namentlich bekannt, starben seit 2023 in diesen Gefängnissen. »Ärzte für Menschenrechte – Israel« (PHRI) kam in einem Bericht vom November 2025 sogar auf die Zahl von 94 Toten, die mehrheitlich direkt oder indirekt der gegen sie angewendeten Folter erlegen sind.

Inzwischen gibt es nicht mehr nur Berichte über Ausnahmefälle sexualisierter Gewalt gegen die Gefangenen. B’Tselem spricht vielmehr von einem klaren Muster: »Androhung und Anwendung sexueller Gewalt … darunter Schläge auf die Genitalien, die zu schweren Verletzungen führen, das Hetzen von Hunden auf die Gefangenen sowie schließlich anale Penetration mit verschiedenen Objekten.« Darüber hinaus seien die Gefangenen häufig »institutionalisierter und organisierter Gewalt und Missbrauch ausgesetzt«. B’Tselem nennt Elektroschocks, Einsatz von Tränengas und Blendgranaten. Die Gefangenenwärter »drücken brennende Zigaretten auf den Körpern der Gefangenen aus, schütten kochende Flüssigkeiten über sie, schießen mit Gummigeschossen auf sie und schlagen sie mit Stöcken zusammen«.

Die Zellen »sind überfüllt, Gefangene bleiben lange Zeit gefesselt, ohne jeglichen Kontakt mit der Außenwelt«. Es gibt, wie B’Tselem zeigt, durchgängig nicht genug Essen, und die Gefangenen leiden unter Hunger, ja, selbst junge Menschen verhungern. Duschen oder saubere Kleidung werden fast durchgängig verboten. Selbst sauberes Trinkwasser ist nicht vorhanden. Schließlich »die Verweigerung medizinischer Versorgung, die weiterhin als Foltermethode an sich dient und zu irreversiblen Schäden führt, die von Amputationen von Gliedmaßen über den Verlust des Gehörs und des Augenlichts bis hin zu Todesfällen reichen«. Besonders weit verbreitet ist die Hautkrankheit Krätze, da sie nicht angemessen behandelt wird, wie der Bericht festhält.

Die Ergebnisse der Untersuchungen von B’Tselem sind eindeutig: »Israel hält bis heute an seiner systematischen und institutionalisierten Politik der Folter und des Missbrauchs palästinensischer Gefangener fest«, unterstützt von der Regierung, den Gerichten und den Medien. Der verantwortliche Minister Itamar Ben-Gvir brüstet sich in aller Öffentlichkeit mit seinem rassistischen Gefängnissystem. B’Tselem fordert die »internationale Gemeinschaft« auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um »diese grausame Behandlung und diese Folter von palästinensischen Gefangenen durch das israelische Regime« sofort zu beenden. Die Welt müsse darauf bestehen, dass Israel zur Verantwortung gezogen und alle Schuldigen vor Gericht gestellt werden.

Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«

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