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Aus: Ausgabe vom 23.01.2026, Seite 7 / Ausland
Rojava

Kobani unter islamistischer Belagerung

Nordsyrien: Vom IS-befreite Stadt erneut bedroht. Kurdische Frauenverteidigungseinheiten halten stand, ohne Wasser und Strom
Von Ina Sembdner
Konflikt in Syrien(1).jpg
Der Sturz einer Statue einer kurdischen Kämpferin wird in Tabka gefeiert (18.1.2026)

Der Belagerungsring um die am 26. Januar 2015 vom »Islamischen Staat« (IS) befreite Stadt Kobani wird von den Islamisten immer enger gezogen, während Zehntausende Kurden im Norden Syriens auf der Flucht sind. »Ganze Städte und Regionen sind eingekesselt und von der Außenwelt abgeschnitten, so dass keine Medikamente, Lebensmittel oder Treibstoff hineingelassen werden«, warnte nicht nur die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) am Donnerstag. Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) sprach gleichentags von einem »gezielten, systematischen Vernichtungskrieg«, der sich insbesondere gegen die kurdische Bevölkerung richte und darauf abziele, ihre politischen und sozialen Errungenschaften zu zerstören. »Was sich derzeit in Kobani und im Kanton Cizîrê abspielt, ist Teil eines umfassenden Angriffs auf den Willen unseres Volkes – ein Krieg, der sich gegen die Existenz der Kurd:innen richtet«, hieß es in der Erklärung. Bekräftigt wurde das Einhalten der eigentlich seit Dienstag geltenden Waffenruhe von seiten der Autonomieregion, die sich nach der Offensive aus Damaskus nur noch auf die Provinz Hasaka und den Kanton Cizîrê beschränkt, bzw. seitens der kurdisch gefühten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF).

Bestätigt wurde dies von Nesrîn Abdullah, Kommandeurin der Frauenverteidigungseinheiten YPG. In einer Onlinepressekonferenz aus der belagerten Stadt erklärte sie am Donnerstag nachmittag, dass Kobani in der Region Dschasira vollständig isoliert sei und ihre Truppen keine Unterstützung von außen erhalten könnten. Zudem seien viele aus der Umgebung in die Stadt geflüchtet, was die Situation noch erschwere. Am Mittwoch hatten die islamistischen Truppen der sogenannten Übergangsregierung in Damaskus unter Ahmed Al-Scharaa und mit ihr und der Türkei verbündete Milizen laut der kurdischen Agentur ANF die etwa 50 Kilometer südlich und südwestlich von Kobani gelegenen Gemeinden Sirin und Çelebiye bombardiert. Zur militärischen Gefahr durch die zahlreichen islamistischen Kampfverbände komme noch hinzu, so Abdullah, dass die Stadt seit vier Tagen ohne Strom- und Wasserversorgung und jetzt auch ohne Internetzugang sei, und das bei eisigen Temperaturen und Schnee. Mit Blick etwa auf das Hissen der IS-Flagge in einem Vorort der von den Islamisten eingenommenen Stadt Rakka am Mittwoch ist sich die Kommandeurin sicher: »Heute bauen sie den islamischen Staat wieder auf.« Mit Unterstützung Ankaras: Nach Angaben von ANF wurden am Mittwoch neue Truppen und schweres Gerät wie Panzer und Haubitzen Richtung Kobani verlegt. Die Türkei steht im Verdacht, das Vorgehen der Islamisten direkt zu koordinieren und logistisch zu unterstützen.

Unterdessen ist weiter unklar, wie viele der jahrelang von den SDF bewachten IS-Anhänger und deren Familien nach der Übernahme durch Al-Scharaas Truppen noch in Haft befinden. Am Mittwoch hatten die USA, die ihre früheren Verbündeten zugunsten Al-Scharaas haben fallenlassen, mit der Verlegung von IS-Gefangenen aus Syrien in den Irak begonnen. Zunächst seien 150 IS-Kämpfer überführt worden, teilte das für den Nahen Osten zuständige US-Zentralkommando (Centcom) mit. Insgesamt könnten demnach bis zu 7.000 mutmaßliche IS-Gefangene verlegt werden. So soll sichergestellt werden, dass die gefangenen Islamisten »in sicheren Hafteinrichtungen bleiben«, hieß es. Insgesamt waren allein im berüchtigten Lager Al-Hol rund 24.000 Personen inhaftiert. Im Irak werde die Justiz »die üblichen Gerichtsverfahren gegen die Angeklagten einleiten, die in den entsprechenden Justizvollzugsanstalten untergebracht werden«, erklärte der Oberste Justizrat am Donnerstag.

Der US-Sonderbeauftragte für Syrien, Tom Barrack, der am Dienstag lapidar erklärt hatte, man brauche die SDF im Kampf gegen den IS nicht mehr, traf sich am Donnerstag mit SDF-Generalkommandeur Maslum Abdi und Ilham Ahmad, der Kovorsitzenden des Außenbüros Rojavas, wie die Nachrichtenseite Rudaw meldete. Das zweite Treffen dieser Art innerhalb weniger als einer Woche diente demnach dazu, die anhaltende Gewalt zu beenden und einen dauerhaften Waffenstillstand zu erreichen. »Die Vereinigten Staaten bekräftigten ihre nachdrückliche Unterstützung und ihr Engagement für die Förderung des Integrationsprozesses, der in der Vereinbarung vom 18. Januar zwischen den Syrischen Demokratischen Kräften und der syrischen Regierung festgelegt wurde«, schrieb Barrack auf X – also die faktische Einverleibung der kurdischen Kräfte in einen islamistisch geführten Staat unter Al-Scharaa.

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