Pathologie der Einsamkeit
Von Dean Wetzel
»Es ist eine kleine weiße, ovale, teilbare Tablette.« Das Antidepressivum Captorix bringt keine neue Welt hervor und verändert auch nicht die bestehende. Es klammert sie vielmehr ein. Klammert sie aus. Diese kleine weiße Tablette reduziert den Druck der Welt auf eine bekömmliche Dosis und hilft, ihm zumindest eine Zeit lang zu entkommen. Und auch von der Bühne, die der Regisseur Sebastian Hartmann für seine zweite Inszenierung eines Romans des französischen Skandalautors Michel Houellebecq erneut selbst entwarf, bleibt die Welt fern.
In der Luft der Reithalle des Hans-Otto-Theaters Potsdam knistert statisches Rauschen. White Noise. Im Licht eines einzelnen Scheinwerfers (Licht: Lothar Baumgarte) öffnet sich eine kleine, weiße, rechteckige Kammer, in der eine weiße Bank steht. Auf dieser Bank wird Florent-Claude Labrouste (Guido Lambrecht), ganz in Weiß gekleidet (Kostüm: Adriana Braga Peretzki), für fünf beklemmende Stunden Platz nehmen, seine Geschichte erzählen und wieder abgehen. Wobei aus der Langeweile dieses scheinbar ereignislosen Abends selbst ein noch lange weilendes Ereignis wird.
Mit »Serotonin« präsentiert Hartmann, der für seine essayistisch-assoziativen Arbeiten bekannt ist, seine wohl werktreueste Arbeit. Houellebecqs Text von 2019, in dem der Protagonist Labrouste zunächst seinen Lebenswillen und durch die den Serotoninspiegel steigernde Wirkung seines Antidepressivums auch noch die Libido verliert, wird hier bloß um die Geschichte eines anderen dahintreibenden Mannes ergänzt. Guido Lambrecht erinnert sich als Labrouste in einem meditativen Monolog an die Frauen seines Lebens und erzählt so vermittelt vom gesellschaftlichen Verfall Frankreichs. Vom Verfall der Liebe, der Wirtschaft und ihren Zusammenhängen.
Von Zeit zu Zeit hält er dabei inne, verstummt, um daraufhin von diesem anderen Mann zu erzählen. Auch dessen Geschichte ist die einer individuellen wie kollektiven Vereinsamung. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in der DDR ein Schauspielstudium aufnahm, während diese ihr Versprechen einer solidarischen Freiheit ins Gegenteil verkehrte. Der sein Studium abschloss, während sich auch die Versprechen ihres Untergangs kaum einlösten. Während Labrouste von diesem namenlos bleibenden Mann berichtet, vermutet man, dass er die Distanz nutzt, um auch die eigene Vereinsamung zu durchmessen. Beide Männer springen vergeblich von Stein zu Stein zu Stein und lassen dabei jede Möglichkeit vergehen, die Bedingungen ihrer Leben grundlegend zu ändern.
Ungeschönt zeigt sich an diesem Abend – und insbesondere in Lambrechts erschütternder Reduktion des Spiels auf die notwendigsten Nuancen – neben Houellebecqs zynischem Witz auch die Perfidie von dessen Gesellschaftsanalyse. Für Labrouste ist Gesellschaft nicht mehr als eine Maschine zur Zerstörung der Liebe, eine Verfallsform der Kopulationsgemeinschaft zwischen Mann und Frau. Houellebecqs Analyse könnte man wohl als einen Sexual-Positivismus bezeichnen, d. h., alles ist Sex oder gründet in ihm. In dieser Verabsolutierung der Sexualität zeigt sich deren gesamte Kläglichkeit. Was zunächst wie der Untergang des Abendlandes scheint, stellt sich als Untergang einer patriarchalen Weltanschauung heraus.
Die existentielle Beklommenheit dieses Abends über fünf Stunden auszuhalten, ist nicht unanstrengend, man darf sich jederzeit für eine Pause ins Foyer zurückziehen. In jedem Moment dieser Inszenierung wird deutlich, dass wir uns immer wieder aufs Neue dazu entschließen müssen, das Schicksal eines anderen zu teilen. Wobei im Entschluss, sich dieser Geschichte auszusetzen, genau die Achtung vor dem anderen Menschen liegt, die Labrouste den anderen verwehrt.
Genial ist vor allem ein Kniff des Bühnenbilds: Die Zuschauertribüne wird durchgängig von vier Neonröhren erleuchtet, was Lambrechts Monolog konterkariert, der sich doch scheinbar vor der Welt verschließt. Denn dort, außerhalb der weißen Kammer und der eigenen Vereinzelung, liegt eine Welt, die wir uns immer schon teilen. Eine Welt, die, wie dieser Abend zeigt, selbst Bedingung ihrer möglichen Negation ist. Und so vielleicht auch einen Weg aus dieser Einsamkeit herausweist.
Nächste Vorstellungen: 15.2., 7.3. und 15.3.
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