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Aus: Ausgabe vom 19.01.2026, Seite 5 / Inland
Gesundheitspolitik

Pharmapreise außer Kontrolle

Kasse fordert klare Regeln für Arzneimittelpreise. Sozialverband warnt vor höheren Zuzahlungen für Patienten
Von Jens Walter
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Die Arzneimittelausgaben der GKV beliefen sich 2024 auf 59,3 Milliarden Euro – neun Prozent mehr als im Vorjahr

Die Lage ist ernst. Die Kosten steigen. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) laufen immer mehr aus dem Ruder. Kurz vor dem zweiten Treffen der Arbeitsgruppe »Preisbildung und Erstattung neuer Arzneimittel« im Rahmen des »Pharma- und Medizintechnikdialogs« der »schwarz-roten« Bundesregierung erhöhten Krankenkassen am Freitag »den Reformdruck« – etwa der AOK-Bundesverband. Die Forderung: Neue Regeln bei der Preisbildung für Arzneien.

AOK-Bundesverbandschefin Carola Reimann betonte: »Wir brauchen umfassende, zügige Reformen, gerade mit Blick auf die angespannte finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenversicherung.« Die Zahlen unterstreichen den Handlungsbedarf. Die Arzneimittelausgaben der GKV beliefen sich 2024 auf 59,3 Milliarden Euro – eine Steigerung von mehr als neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit ist der Posten hinter den Kosten für Klinikbehandlungen der zweitgrößte. Haupttreiber dieser Entwicklung sind patentgeschützte Arzneimittel, deren Hersteller in den ersten sechs Monaten nach Markteintritt den Preis frei bestimmen können.

Reimann kritisiert diese Praxis: »Die freie Preisbildung hat dazu geführt, dass die Pharmaindustrie extrem hohe Einstiegspreise setzt, die die Ausgaben der GKV massiv belasten.« Um die Finanzierbarkeit des Systems zu sichern, fordert die AOK einen verbindlichen Interimspreis ab Marktzugang. Er solle sich an den Kosten der zweckmäßigen Vergleichstherapie orientieren und als vorläufige Berechnungsgrundlage dienen, bis der endgültige Erstattungsbetrag ausgehandelt ist.

Neben der Preisbildung ist die sogenannte Evidenzlage neuer Arzneimittel im Fokus. Immer mehr Medikamente für seltene Erkrankungen gelangen auf den Markt, ohne dass sie vorab einer umfassenden Nutzenbewertung unterzogen werden müssen – zumindest bis eine gesetzlich definierte Umsatzschwelle überschritten ist. Reimann warnt: »Der gesetzlich zugesprochene Zusatznutzen kann später häufig nicht bestätigt werden. Das ist teuer für die Beitragszahlenden und schafft für Patientinnen und Patienten eine unbefriedigende Situation, weil Transparenz über den tatsächlichen Nutzen fehlt.«

Die AOK schlägt deshalb vor, Arzneimittel mit unsicherer Evidenz nur in qualifizierten Zentren und ausschließlich bei hohem medizinischem Bedarf einzusetzen. Zudem sollen sie verpflichtend an eine strukturierte Evidenzgenerierung gekoppelt werden – faktisch also nur im Rahmen klinischer Studien oder kontrollierter Versorgungsprogramme Anwendung finden. Damit würde der Marktzugang stärker an wissenschaftliche Nachweise gebunden und Fehlanreize im System würden reduziert.

Auch bei Impfstoffen sieht der AOK-Bundesverband erheblichen Regulierungsbedarf. Die Ausgaben stiegen von 1,15 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 2,71 Milliarden Euro im Jahr 2024 – eine Entwicklung, die ebenfalls durch frei festsetzbare Herstellerpreise begünstigt wird. Reimann: »Infektionsschutz ist eine staatliche Kernaufgabe. Eine Rückführung der Impfstoffbeschaffung in die öffentliche Hand wäre sachgerecht.«

Kritik kommt auch vom Sozialverband VdK. Die geplanten Erhöhungen der Zuzahlungen für Arzneimittel und andere Leistungen stünden im klaren Widerspruch zum sozialen Grundgedanken der GKV, wurde VdK-Präsidentin Verena Bentele am Freitag in einer Mitteilung zitiert. »Besonders ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sind oft auf mehrere Medikamente angewiesen.« Steigende Zuzahlungen belasteten sie schon heute finanziell und erhöhten das Risiko, dass notwendige Medikamente aus Kostengründen nicht mehr eingenommen werden. Bentele: »Eine gute Gesundheitsversorgung darf nicht vom Geldbeutel abhängen.« Statt dessen müssten Pharmaindustrie und investorengeführte medizinische Versorgungszentren »einen fairen Beitrag zur Konsolidierung des Systems leisten«.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christel H. aus Aschersleben (19. Januar 2026 um 18:33 Uhr)
    Wenn Frau Bentele meint, dass die Pharmaindustrie »einen fairen Beitrag zur Konsolidierung des Systems (zu) leisten« hätte, könne sie auch die Löwen bitten, ab morgen Gras zu fressen.

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