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Aus: Ausgabe vom 15.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Zimmer frei

Das norddeutsche Landleben ist oversexed: Hille Nordens Spielfilm »Smalltown Girl«
Von Ronald Kohl
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Liebe auf den ersten Schluck: Nore (Dana Herfurth) und Jonna (Luna Jordan)

Ursprünglich hieß dieser Film »Ficken für Freiheit«, so lautete zumindest der Titel des von Regisseurin Hille Norden verfassten Drehbuchs. Doch um Freiheit geht es gar nicht so sehr, sondern eher um das Freisein von Angst. Nore (Dana Herfurth) führt ein leichtes Leben, soweit das in einer norddeutschen Kleinstadt möglich ist. Außerhalb des deutschen Sprachraums kommt »Smalltown Girl« denn auch unter dem etwas gewagteren Titel »Easy Girl« in die Kinos. Über sich selbst sagt Nore, dass sie lieber hundertmal durch einen dunklen Park ginge, auch wenn sie dabei vielleicht einmal vergewaltigt werden würde, als aus Furcht jedes Mal einen Umweg zu laufen.

Ihre Abende verbringt sie regelmäßig in einem gemütlichen Pub mit klassisch britischer Wohnzimmeratmosphäre, offenbar dem einzigen Lokal weit und breit, das bis in die Morgenstunden geöffnet hat. Der Vergewaltiger im Gebüsch ist also von vornherein eher hypothetischer Natur. Die Männer im Pub, durch die Bank geile Stinos, hat Nore alle durch. Wenn sie mit einem mitgeht, weiß sie immer genau, was sie erwartet. Heute ist sie mal wieder richtig scharf, scharf auf Sex, aber auf keinen mit den zuhandenen Herren.

Als der Typ, der sie im Bett so gerne von oben bis unten ableckt (sie nennt ihn, glaube ich, den Pfiffi oder so ähnlich), auf der grünen Ledercouch neben ihr Platz nimmt, klettert eine junge Frau mit einem Glas Bier in der Hand über die Rückenlehne und klemmt sich zwischen Nore und den riemigen Köter, der sofort Leine zieht. Jonna (Luna Jordan) ist Medizinstudentin. Ihr besonderes Interesse gilt unserem Herzen. In ihrer Wohnung hat sie ein übergroßes Modell aus Kunststoff davon. Eine Nachbildung des gesamten menschlichen Körpers gibt es auch, ungefähr halb so groß.

Jonna darf auf dem Sofa neben Nore sitzen bleiben. Es ist Liebe auf den ersten Schluck: Cheers! Ob die beiden danach miteinander in die Federn steigen, weiß ich nicht mehr so genau. Zumindest ziehen sie zusammen. In Jonnas Wohnung steht schon lange ein Zimmer frei, das auf eine gute Freundin wartet. Das bedeutet: Wenn Nore jetzt einen Kerl abschleppt, lernt ihn auch Jonna kennen – und in einem Fall auch lieben.

Michel (Jakob Geßner) ist nicht unbedingt ein auffallend schöner Mann. Zu dem wird er erst, wenn er sich auszieht. Sein athletischer Körper hat große Ähnlichkeit mit dem Plastikmodell auf Jonnas Schreibtisch. Doch wie steht es um sein Herz? Jonna versucht, es herauszufinden, nicht als Naturwissenschaftlerin, sondern als verliebte junge Frau.

Es wird eine tränenreiche Diagnose für die angehende Medizinerin, denn Michel ist, »wie Männer nun mal so sind«, um mal die Ärzte zu zitieren. Das heißt in diesem Fall jedoch: Er ist nur in Jonnas Bett gelandet, weil er bei Nore keinen hochbekam, anders als vor ein paar Jahren noch, als Nore gerade mal 14 war. In etlichen Rückblenden sehen wir der minderjährigen Nore immer wieder beim meist einvernehmlichen Sex mit erwachsenen Männern zu. Die durchaus vorhandenen Bedenken ihrer Intimpartner zerstreut sie sehr gekonnt: »Ich bin reifer, als ich alt bin.«

Um Missverständnissen vorzubeugen: »Smalltown Girl« ist kein »Lolita«-Film. Und auch wenn sich Nore auf ihrer Flucht vor der Einsamkeit in einer Szene plötzlich in einer Situation wiederfindet, in der sie die Kontrolle über das, was mit ihrem Körper geschieht, gegen ihren Willen für einen Augenblick verliert, stellt der Film keine der sich sofort aufdrängenden Fragen. Die Regisseurin wollte laut eigener Aussage einen Film über »alles Mögliche« machen, »aber nicht über sexuellen Missbrauch«.

Das Thema steht freilich dennoch im Raum. Und es gibt auch Männer, die Nores Verlangen widerstehen, weil offenkundig etwas nicht stimmt mit ihr. Woher das wiederum rührt, bleibt die große Blackbox. Hille Norden, die einen, wie sie es nennt, »autofiktionalen« Film gedreht hat, also »angeregt« von eigenen Erlebnissen, lässt ihre Heldin in einer anderen Richtung suchen: »War es meine Schuld? Warum habe ich nicht gekämpft? Warum bin ich immer wieder zurückgegangen? Was hat das Erlebnis mit mir gemacht? Wie wäre ich sonst? Und warum muss ich Jahre später noch daran denken?«

Sicher lässt sich von einem unterhaltsam konzipierten Film nicht erwarten, dass er diese Fragen konsequent tiefenpsychologisch zu beantworten versucht. Leichte, buntschillernde Kleider (aus denen frau »ohne fremde Hilfe« nicht herauskommt) und Dialoge pechschwarzen Humors fordern die Zuschauerinnen dazu auf, niemals den Spaß am Leben zu verlieren, einfach die Wunden heilen zu lassen, auch wenn die Narben gelegentlich jucken mögen. Kurzum, die Botschaft lautet: »Kein Sex ist auch keine Lösung.«

»Smalltown Girl«, Regie: Hille Norden, BRD 2025, 122 Min., Kinostart: heute

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