Rotlicht: Zeitrechnung
Von Marc Püschel
Schon daran gewöhnt, die neue Jahreszahl zu verwenden? Was wir heute einfach hinnehmen, ist gar nicht so selbstverständlich, wie man meinen sollte. Theoretisch könnten wir auch sagen, wir befinden uns im vierten Jahr nach der großen Hochwasserkatastrophe in Westeuropa oder im ersten Jahr des Friedrich Merz. Dass wir statt dessen nur von 2025 auf 2026 weiterzählen, haben wir dem weitgehend unbekannten Mönch Dionysius Exiguus zu verdanken, der sich vor 1.500 Jahren die christliche Zeitrechnung ausgedacht hat.
Für deren Einheiten war dabei keine große Denkarbeit nötig, allzu offensichtlich teilt die Natur durch ihre Zyklen unseren Lebensrhythmus ein. Entsprechend häufig sind Sonnenkalender, die den Lauf der Erde um die Sonne als Basis nehmen und auf die bekannten 365 Tage mit dem Überschuss eines Vierteltages, der durch Schaltjahre ausgeglichen werden muss, kommen. Die berühmtesten Beispiele sind der von Julius Caesar eingeführte Julianische Kalender und der heute gebräuchliche Gregorianische. Der Solarkalender liegt jedoch so nahe, dass er sogar schon in der Jungsteinzeit genutzt wurde: In der Höhle von Magura im heutigen Bulgarien wurden Malereien gefunden, die zeigen, dass schon die Steinzeitmenschen von einem 366-Tage-Jahr ausgingen.
Mit den Einheiten (Tage, Monate, Jahre) ist aber noch nicht die Frage beantwortet, was man als Ausgangspunkt der Zählung verwenden soll. Prinzipiell sind drei Modelle denkbar: Erstens die Orientierung an besonderen natürlichen Ereignissen wie Vulkanausbrüchen oder Fluten – eine recht archaische Zählung, die nur Anwendung findet bei denjenigen, die solche Katastrophen erlebt haben und sie tradieren. Mit der allmählichen Emanzipation von der Natur rückte in den frühen Hochkulturen der Mensch immer mehr in den Mittelpunkt. Im Zuge dessen wurde es üblich, die Herrschaftsjahre von Königen oder anderen Herrschern heranzuziehen. Am bekanntesten sind die Königslisten im Alten Ägypten oder die Zeitrechnung im Römischen Reich, die sich an den Listen der Konsuln orientierte. Doch bleibt dieses Modell so partikularistisch wie das erste, schließlich gilt die Zählung nur für einzelne Gebiete – was Historiker bis heute zum Fluchen bringt, wenn sie in bezug auf extrem zersplitterte Herrschaftsgebiete wie das frühe Indien in extremer Fleißarbeit Parallelen zwischen Dutzenden verschiedenen Kalendern rekonstruieren müssen.
Gelöst wird dies erst durch die Annahme eines universalistischen Ausgangspunkts, der für alle Menschen zählt. Doch auch dieser Anspruch muss sich geschichtlich durchsetzen, mit der faktischen oder imaginierten Geburt von Jesus Christus ist es nicht getan. Herausgefordert wurde die Erstellung einer christlichen Zeitrechnung durch die für die Zeremonien notwendige Berechnung des jeweiligen Osterdatums. Die Christen der Spätantike orientierten sich dafür lange noch an dem ersten Regierungsjahr des römischen Kaisers Diokletian im Jahr 284. Als Dionysius Exiguus wegen des umstrittenen Termins im Jahr 526 neue Ostertafeln aufstellte, verwendete er dabei erstmals die Formel »anni ab incarnatione Domini« (Jahre seit der Inkarnation des Herrn). Erst damit war der entscheidende Bezugspunkt gesetzt, der gleichwohl lange Zeit esoterisch blieb und nur in Mönchszirkeln verbreitet war. Innerhalb der Kirche setzte sich die Rechnung erst dank dem angelsächsischen Theologen und Geschichtsschreiber Beda Venerabilis (672–735) durch, im »weltlichen« Bewusstsein nicht vor der Krönung Karls des Großen im Jahre 800.
Trotz späteren Bemühungen, andere universalistische Ereignisse als Basis zu nehmen – in Frankreich versuchte man bekanntermaßen, 1792 einen Revolutionskalender einzuführen – , hat sich der Ausgangspunkt von Christi Geburt gehalten. Dadurch ändert auch das etwas verschämte Austauschen der Abkürzungen v. Chr. und n. Chr. durch die neutraleren v. u. Z. und u. Z. (unserer Zeitrechnung) wenig. Ohnehin ist der Anlass mittlerweile zweitrangig. Mehr als einen einmal etablierten willkürlichen Ausgangspunkt braucht man nicht.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Feuilleton
-
Nachschlag: Hätte, hätte, Taubengrippe
vom 14.01.2026 -
Vorschlag
vom 14.01.2026 -
Veranstaltungen
vom 14.01.2026 -
Testosteronträume
vom 14.01.2026 -
Jordan, Gusner, Trösch, Pelikowsky
vom 14.01.2026 -
Auf dem Todesmarsch
vom 14.01.2026 -
Es ist kompliziert
vom 14.01.2026