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Aus: Ausgabe vom 14.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Nazis

Auf dem Todesmarsch

Eine bewegende Geschichte: Gwen Strauss’ Buch über die Flucht von neun HASAG-Zwangsarbeiterinnen
Von Dieter Nake
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Opfer der NS-Diktatur: Eröffnung der deutschlandweit ersten Gedenkstätte für Zwangsarbeiter in Leipzig auf dem Gelände des früheren Rüstungsbetriebs Hugo Schneider AG (HASAG) am 12. Dezember 2001

Am frühen Morgen des 14. April 1945 wurden 5.000 Frauen des KZ-Außenlagers »HASAG Leipzig« durch die Tore des Lagers in Richtung Osten getrieben. Mit einer sehr schmalen Lebensmittelration und wenigen Habseligkeiten, bewacht von SS-Männern mit Gewehren und Aufseherinnen mit Peitschen, begann der Gewaltmarsch durch die Nacht. In den Wochen und Monaten zuvor hatten sie in Zwölfstundenschichten in der Rüstungsproduktion der Hasag arbeiten müssen.

Der Zug der ausgehungerten Frauen in zerfledderten blau-grau gestreiften Häftlingsuniformen und Holzpantinen ging über Wurzen, wo sie auf männliche Gefangene trafen, die sich ebenfalls auf einem Todesmarsch befanden. Am Stadtrand von Oschatz, 60 Kilometer östlich von Leipzig, nutzten neun junge Frauen einen chaotischen Augenblick beim Weitermarsch für eine Flucht in ein blühendes Rapsfeld.

Flucht und die Vorgeschichten der Protagonistinnen beschreibt das Buch »Sie waren neun« der US-amerikanischen Autorin Gwen Strauss. Im KZ-Außenlager »HASAG Leipzig« und vorher im KZ Ravensbrück hatten die Frauen zusammengefunden. Einigendes Band war ihr Wirken in der Résistance, der Widerstandsbewegung in frankophonen Ländern gegen das Naziregime. Sechs Französinnen, zwei Niederländerinnen und eine Spanierin flohen vor den Schergen und Helfern des zusammenbrechenden »Großdeutschen Reiches«.

Hélène Podliasky, Großtante von Gwen Strauss, brachte 2002 die Autorin auf die Idee, die Geschichte der neun Flüchtigen erzählerisch zu bündeln. Hélène galt als Anführerin der Gruppe.

Gwen Strauss spannt ihren Erzählbogen vom illegalen Wirken der Akteurinnen in der Résistance bis zur Verhaftung durch die Gestapo; sie schildert die Haft mit den Verhören, den Transport ins KZ Ravensbrück, die Quälereien im Konzentrationslager, die Verlegung in das Leipziger Hasag-Lager, schreibt über die Flucht und das Leben danach.

Die Flucht durch das Muldentalland war ein ständiges Ringen um Nahrung, sichere Schlafplätze und einen Weg zu den US-Amerikanern. Ein erschlichener Briefkopfbogen der Polizeistation von Raitzen half, manches Hindernis zu überwinden. Kontakte mit Menschen auf ihrer Fluchtroute fielen sehr unterschiedlich aus, reichten von freundlicher Unterstützung bis zu bösartigen Drohungen. Gefährlich war auch die Überquerung der Mulde bei Klosterbuch. Am 18. April 1945 erreichte die Gruppe endlich Colditz und damit von der US-Armee befreites Gebiet.

Das im kleinen Sax-Verlag erschienene Buch hat noch eine zweite Geschichte zu bieten. Seit 2019 hat sich die Junge Gemeinde Wurzen durch Geschichtsrecherchen unter dem Titel »Grenzgeschichten« einen Namen gemacht. Schwerpunkt war die Aufarbeitung von Verbrechen während der Herrschaft der Faschisten in ihrer Heimat. Das Engagement wurde mit dem Hubertusburger Friedenspreis und dem Sächsischen Jugendgeschichtspreis geehrt. Ina Adler, eine in der Region rührige Bürgerin, hatte die Idee, die Junge Gemeinde Wurzen und das bisher nur auf englisch vorliegende Buch von Gwen Strauss zu einem Übersetzungsprojekt zu verbinden. Ende 2023 machte sich eine Gruppe von 14 Jugendlichen im Alter zwischen 17 und 21 Jahren unter Anleitung von Diakon Fabian Hanspach an die Übersetzung. Die Redaktionsarbeit übernahmen die Fachfrauen Ina Adler und Katharina Löffler. Mehrere hundert Stunden widmete das Team der Übertragung und ergänzenden Recherchen. Der Rezensent verneigt sich vor dieser Leistung.

Bereits am 7. Mai 2025 war Buchpremiere im Dom zu Wurzen. Anwesend waren die Autorin, das Team der Übersetzung, der Sax-Verlag und der regionale Fernsehsender. Der Rezensent war Augen- und Ohrenzeuge der würdigen Veranstaltung. Im September 2025 wurde der Jugendgruppe und ihren Helfern der Hauptpreis des Margot-Friedländer-Preises 2025 in Berlin verliehen. Bei der Berichterstattung durch den MDR-»Sachsenspiegel« ist dem Sprecher bedauerlicherweise ein Lapsus unterlaufen. Er hat die neun Frauen, allesamt Widerstandskämpferinnen, in neun Jüdinnen umgewandelt, was keine von ihnen war.

Eine der neun Frauen, Nicole Clarence, hat den Lesern des Buches noch etwas mit auf den Weg gegeben:

»Das, was wir teilten

an Angst, Kälte, Hunger und Hoffnung,

die Qual, physisch und psychisch,

lässt sich nicht wiederholen, auch nicht für uns.

Es ist eingeschlossen in der Welt des ›Nie wieder‹ …

Dem Buch ist eine große Verbreitung zu wünschen.«

Gwen Strauss: Sie waren neun. Sax-Verlag, Markkleeberg 2025, 368 Seiten, 24,80 Euro

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