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Braune Flut

Von Pierre Deason-Tomory
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Heute schon was vor? Thomas Manns Familienchronik

Wer glaubt, im Rundfunk dudelt nur noch Kommerzmüll, der irrt: Der Äther wird mit rechter »Scheiße geflutet«, um es mit einem bildhaften Auswurf der Goebbelsschnauze Steve Bannon zu sagen. In Österreich startet die FPÖ an diesem Wochenende ein eigenes Hassradio, vom amtierenden Schicklgruber, dem Kickl-Herbert, Austria First getauft und »vollgepackt mit echten Nachrichten statt linker Meinungsmache, wie wir sie aus den Systemmedien kennen«. Den Begriff »Systemmedien« hat sich Kickl bei seinem Vorbild aus Braunau ausgeliehen, die Inspiration für Austria First vielleicht bei Julian Reichelt, ehemals oberster Brunnenvergifter bei der Bild. Dessen ultrarechtes Nius-Radio wurde 2025 nacheinander in Berlin-Brandenburg, Niedersachsen, Thüringen, Hamburg, Schleswig-Holstein und im Saarland ins DAB-plus-Netz eingespeist, und seit 1. Januar verpestet es auch in Nordrhein-Westfalen den Äther.

Reichelt wiederum folgt dem Beispiel einschlägiger TV- und Radiostationen in den USA, die dort den Diskurs erfolgreich nach Rechtsaußen verschoben haben. Den liberalen NPR-Radios dagegen hat der Kongress voriges Jahr die staatlichen Zuschüsse entzogen, ihr Dachverband, die Corporation for Public Broadcasting (CPB), musste deshalb am 5. Januar seine Auflösung bekannt geben. Auch deutschen Kulturradios werden scheibchenweise die Gelder gestrichen, wenn auch nicht von rechten Politikern: Das machen bei uns die Intendanten selbst. Auf den Radiowellen über dem »freien Westen«, auf beiden Seiten des Atlantiks, verstummen die kritischen Stimmen.

Nach diesem Wortschwall zum »Ultraschall Berlin – Festival für neue Musik 2026«, erste Programmvorschläge dieser Ausgabe seien »Die Vorschau« (Di., 21.05 Uhr, Radio 3), das Konzert »Live aus dem Radialsystem Berlin« (Sa., 19.05 Uhr, DLF Kultur) und dasjenige »Live aus dem Großen Sendesaal des RBB« (So., 20 Uhr, DLF Kultur). Unfassbare Missstände deckt die achtteilige »Mikrokosmos«-Serie »Versuchslabor Kinderheim« auf, erzählt wird von Zwangsjacken, Gewalt und Psychopharmaka in der alten BRD (DLF 2026, Do., 20.30 Uhr, DLF).

In 71 Folgen liest Thomas Sarbacher ab Freitag Thomas Manns Roman »Buddenbrooks« (NDR, RBB 2026, 13.30 Uhr, Radio 3). Der österreichische Kabarettist Clemens Maria Schreiner sagt von sich, er würde zu all seinen Fehlern stehen – er mache nur keine; nachprüfbar in der Liveübertragung seines Programms. »Fehlerfrei« aus der Kulisse in Wien (Fr., 20 Uhr, Ö 1). 1964 haben neun DDR-Schriftsteller drei Monate lang in einem Westberliner Studentenheim aus ihren Werken gelesen; es gibt Mitschnitte vom RIAS in der Reihe »Aus den Archiven«, Bild-blöd betitelt mit »Poesie von jenseits der Mauer« (Sa., 5.05 Uhr, DLF Kultur). Im »Tiefenblick« startet die ausführliche Neufünflanddokumentation »Der Bruch – Frauen zwischen Ost und jetzt (1/5)« (RBB 2025, Sa., 13.30 Uhr, So., 18.30 Uhr, WDR 5).

Aus der Wiener Staatsoper übernehmen die ARD-Kulturradios eine Aufführung der Janáček-Oper »Die Sache Makropulos« in Originalsprache, mitgeschnitten im vergangenen Dezember (Sa., 20.03 Uhr, BR Klassik, HR 2 Kultur, NDR Kultur, Radio 3, SR Kultur, SWR Kultur, WDR 3). »Die Nordlandfahrer« ist ein Hörspiel von Philip Stegers über die groteske Vergnügungsreise von olle Willem Zwo samt Hofstaat am Vorabend des Ersten Weltkriegs (WDR 2014, So., 17.04 Uhr, WDR 5). Und die morgendliche Reihe »Das Wissen« hebt die Laune zu Wochenbeginn mit dem Beitrag »Spähsoftware im Handy – Wie Staaten uns heimlich überwachen« (Mo., 8.30 Uhr, SWR Kultur).

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