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Aus: Ausgabe vom 13.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Wo ist die Rohrzange?

»Greenland 2«: Dicht an der Familie dran, aber leider langweilig
Von Ronald Kohl
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Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

Der vor gut fünf Jahren angelaufene erste Teil des Katastrophenthrillers »Greenland« kam beim Publikum prima an und erhielt auch recht gute Kritiken (außer von uns natürlich). Gelobt wurde die trotz aller Vorhersehbarkeit kontinuierlich hochgehaltene Spannung. Gleich in der ersten Szene des zweiten Teils knüpft Regisseur Ric ­Roman Waugh ziemlich plump an sein Erfolgsrezept von einst an, was bei diesem ersten Versuch auch schon nur noch halbwegs gelingt.

Sein Held John Garrity (Gerard Butler) ist gerade dabei, einen seiner Ausflüge aus dem Bunker zu machen, der seit mittlerweile fünf Jahren sein neues Zuhause ist; eine Stadt unter meterdickem Stahlbeton, die selbst jenen Kometeneinschlag überstand, der damals fast sofort unseren gesamten Planeten unbewohnbar machte. Seitdem schwirren irgendwelche gefährlichen Brocken durch die Atmosphäre, und auch von unten droht Gefahr: Die gesamte Plattentektonik spielt verrückt. Garrity zeigt sich in seinem Schutzanzug davon wenig beeindruckt; er hat den Kopf mit anderen Dingen voll, ist verzweifelt auf der Suche nach einer Rohrzange.

Als die gigantische Bunkeranlage für die Luftwaffe der USA damals auf Grönland errichtet wurde, war man im Pentagon offenbar der Ansicht, dass Werkzeug im Bedarfsfall von den Einheimischen konfisziert werden kann. Die gibt es nun leider nicht mehr, und John kriecht trotz einer per Funk übermittelten Unwetterwarnung in das Wrack eines gestrandeten Zerstörers.

Die Pressebetreuung des Filmverleihs hat vor der Vorführung ausdrücklich darum gebeten, nicht zu spoilern (habe ich vorher auch noch nie so erlebt), deshalb nur soviel: Bei seiner Suche nach der ollen Zange hat John auch ein paar Rettungsboote inspiziert. Als es später im Bunker für alle Bewohner plötzlich zu gefährlich wird, beginnt der große Ansturm. John hat zwar einen kleinen Wissensvorsprung, aber er hat auch eine Familie am Hacken, Frau und Kind. Werden es alle drei auf eines der wenigen Boote schaffen?

In »Damals bei uns daheim« beschreibt Hans Fallada ein wichtiges Erlebnis, das er als Halbwüchsiger auf dem Weg zum Schriftsteller hatte. Mit zwölf oder 13 Jahren hatte er gerade damit begonnen, einen neuen Abenteuerroman zu verschlingen, als sein Vater ihn bat, den Mülleimer herunterzubringen. Auf die Erwiderung des Sohnes, er wolle nur noch dieses eine Kapitel zu Ende lesen, um zu wissen, ob der Held die gefahrvolle Situation überleben würde, antwortete der Vater sinngemäß: Wenn er jetzt schon stirbt, was soll denn dann auf den restlichen 500 Seiten passieren?

»Greenland 2« bleibt zwar wie der erste Teil immer dicht an der Familie dran, aber spannend war das dieses Mal keine Sekunde lang.

Das kleine orangefarbene Rettungsboot, immerhin hat es eine geschlossene Kabine und einen funktionierenden Dieselmotor, schippert also mitsamt Johns Familie über den großen Teich. Werden die Vorräte reichen? Und auch der Treibstoff? Und wenn er ausgeht, wird die Strömung dann wenigstens so strömen, dass man trotzdem nach Europa gelangt, ohne von Frontex vorher umgedreht und angeschubst zu werden? Und warum wollen eigentlich alle unbedingt nach Europa?

Die Flucht in die alte Welt war schon im Bunker das Thema schlechthin. Im südlichen Frankreich soll es eine Gegend geben, wo man noch ohne Maske atmen kann, ohne gleich Krebs zu bekommen, und wo das Wasser rein ist und die Menschen friedlich miteinander auskommen. Dieser wunderbare Ort befindet sich genau an der Stelle, an der vor fünf Jahren der verderbenbringende Meteorit einschlug.

Diesen gigantischen, eine ganze Landschaft prägenden Krater nach Frankreich zu verlegen, ist in meinen Augen der einzige wirklich originelle Einfall des Films: Wer Remarques Roman »Im Westen nichts Neues« gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch an den heißen Tipp der alten Frontschweine im Ersten Weltkrieg, sich bei Granatbeschuss einfach in einen alten Trichter kullern zu lassen, weil es so gut wie nie an ein und derselben Stelle noch mal rummst.

Aber noch ist die apokalyptische Reisegesellschaft weit von dem Krater entfernt, denn die Strömung hat das kleine Rettungsboot zwar nach Europa gebracht, aber leider nicht nach Frankreich. Sie gehen in Liverpool an Land. John, der ursprünglich aus Schottland stammt, erkannte sofort, wo man gelandet war. Beim ersten Teil von »Greenland« wurde es in den deutschen Kritiken übrigens bedauert, dass bei der Synchronisation Johns ausgeprägter schottischer Akzent unter den Tisch gefallen war. Und dieses Mal? – Verrate ich nicht. Weiß ich auch nicht. Die Pressevorführung war OmU.

Wie sieht es nun aus in Liverpool? Wie überall auf der Insel. Kaputte Häuser, kaputte Straße, zahnlose Menschen, als wäre Margaret Thatcher noch immer Premierministerin. Die Reise geht also weiter.

Was den hochverehrten Hans Fallada anbelangt, sei abschließend noch erwähnt, dass er nach der ernüchternden Begebenheit mit seinem Vater, einem Juristen, keinen Abenteuerroman mehr mit der alten Freude lesen konnte. Das Gute an der Sache: Er hat auch nie einen geschrieben.

»Greenland 2«, Regie: Ric Roman Waugh, USA 2025, 99 Min., bereits angelaufen

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