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Aus: Ausgabe vom 13.01.2026, Seite 3 / Ansichten

Nicht nur gegen China

Bundeskanzler Merz in Indien
Von Jörg Kronauer
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Merz und Modi am Montag auf dem Internationalen Drachenfestival in Ahmedabad

Wenn deutsche Regierungspolitiker nach Indien reisten, dann ging es seit mindestens zwei Jahrzehnten immer vor allem um eines: darum, das Land, dessen Bourgeoisie sich als großen asiatischen Rivalen Chinas begreift, als Gegenmacht gegen die Volksrepublik aufzubauen. Dazu sollten die Wirtschaftsbeziehungen gestärkt werden; dazu wollte man die politischen Kontakte intensivieren – und zuletzt kam auch noch eine militärisch-rüstungsindustrielle Komponente hinzu, nicht zuletzt, um der Bundeswehr Möglichkeiten im Indischen Ozean zu eröffnen. Seit spätestens 2022 dringen deutsche Kanzler und Minister in ihren Gesprächen mit indischen Amtskollegen zudem stets darauf, dass Indien seine Bindungen an Russland reduziert. Wer das südasiatische Land besucht, agitiert dort also gegen China und gegen Russland und stößt mit ersterem gewöhnlich auf offene Ohren, mit letzterem hingegen nicht: Neu-Delhi braucht die Kooperation mit Moskau, um in der Rivalität mit Beijing nicht in allzu starke Abhängigkeit vom Westen zu geraten.

Als Bundeskanzler Friedrich Merz am Montag von Indiens Premierminister Narendra Modi in Ahmedabad empfangen wurde, der Wirtschaftsmetropole von Modis Heimatbundesstaat Gujarat, da kam ein neuer Faktor hinzu: die Probleme, die beide Länder gleichermaßen mit den Vereinigten Staaten haben. Die Trump-Regierung sucht sie mit Zöllen und anderen Gemeinheiten auszupressen. Indien wehrt sich hartnäckiger als Deutschland, das bisher fast überall beinahe bedingungslos eingeknickt ist. Beide sind aber bestrebt, ihre Abhängigkeit von den USA abzubauen, nicht zuletzt, indem sie ihre Handelsbeziehungen diversifizieren. Dazu soll ein Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU dienen, über das seit inzwischen 19 Jahren verhandelt wird. Merz und Modi versuchten, den Vorgang am Montag ein wenig zu beschleunigen. Außerdem unterzeichneten sie eine Absichtserklärung über den Ausbau der Rüstungskooperation, mit der Berlin Neu-Delhi ein Stück weit aus seiner alten Rüstungsabhängigkeit von Moskau lösen will. Indien ist – bei allem Willen zur Kooperation – etwas weniger Abhängigkeit von Russland durchaus recht.

Zu allem geostrategischen und geoökonomischen Geschiebe und Gezerre kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Deutschland braucht dringend Arbeitskräfte und sucht sie auch in Indien – einerseits vor allem für die IT, andererseits für die Pflege. Die Zahl der Inder, die in Deutschland arbeiten, ist in den vergangenen zehn Jahren von 25.000 auf 170.000 gestiegen; die Bundesregierung hätte gern noch mehr. Ob aber genug kommen wollen, ist ungewiss. Aus den indischen Exilcommunitys – vor allem von Personen, die besser bezahlte Jobs haben – hört man mittlerweile immer öfter, man spüre Europas Abstieg an den Verhältnissen im Alltag; Zweifel, ob es sich wirklich lohne, das aufstrebende Indien zu verlassen, machen sich bei manchen breit. Die Folgen der globalen Machtverschiebungen machen auch vor der Ware Arbeitskraft nicht Halt.

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