Wer klatscht denn da?
Von Thomas Behlert
Wer zu DDR-Zeiten ein Buch mit Illustrationen von Hans Ticha ergattern konnte, besaß einen wertvollen Schatz. Die Bilder zeigten einen Künstler, der den geläufigen Sozialistischen Realismus weitgehend ignorierte und bis heute eine ganz eigene Handschrift hat. Ticha verfeinerte Texte von Bert Brecht, Maxim Gorki, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky oder Peter Hacks, er gestaltete futuristische Prosa, verlieh Büchern mit humorvollen Illustrationen den nötigen Biss.
Der Betrachter von Tichas Kunst erfreut sich an Grafiken mit kräftigen bunten Farben, oft dreidimensional wirkend. Man erkennt unschwer den Einfluss von Kubismus, Bauhaus, Pop Art in Tichas Plakaten, Druckgrafiken, Bildern, Objekten und Zeichnungen; zu sehen sind sie etwa in der Nationalgalerie Berlin, in den staatlichen Kunstsammlungen Dresdens, in Schwerin und in zahlreichen weiteren wichtigen Museen.
Nicht selten wurden von Ticha illustrierte Bücher zu den »schönsten der DDR« gewählt. Unsterblich die Illustrationen zu Peter Hacks’ Kinderbuch »Die Babyherrschaft« oder zu Karel Čapeks »Der Krieg mit den Molchen« aus dem Jahr 1936 (1987 erschien der satirische Sci-Fi-Roman des tschechischen Schriftstellers auf deutsch).
Am 2. September 1940 kam Hans Ticha in Bodenbach, Tschechoslowakei, zur Welt. Nach der Vertreibung besuchte er bis 1958 in Schkeuditz die Schule, studierte Pädagogik an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Er arbeitete als Kunsterzieher, studierte fünf Jahre Malerei und Gebrauchsgrafik in Berlin-Weißensee.
Bis heute lässt Ticha sich nicht platt vereinnahmen, positive Bilder aus der Sphäre des Politischen sucht man vergebens. Bevorzugte Themen sind der Strand, Sport, Musik und Tanz. Wenn Ticha seine Kunst doch in eine politische Richtung lenkt, wird es originell und kritisch zugleich. Beispielhaft der berühmte »Klatscher« von 1983, ein Werk, das übergroße rote Hände zeigt und im Atelier dereinst zusammen mit weiteren Bildern mit dem Rücken zum Betrachter stand. Zwischen die Kunstwerke hatte Ticha kleine Pappen gesteckt, waren sie verrutscht, wusste er, dass die Staatssicherheit in seiner Abwesenheit herumspioniert hatte.
Um Popmusik geht es auf dem knallbunten Werk »Love« von 2016. Ticha, der seit 1990 in Mainz lebt, nimmt hier möglicherweise die Welt des Mainstreamschlagers aufs Korn – in der grell überzeichneten, kubistisch anmutenden Gestalt einer Sängerin mit sehr großem singenden Mund und nackten Brüsten.
Zu Ehren des Künstlers, der vergangenes Jahr seinen 85. Geburtstag beging, wird Ticha seit Mitte Dezember in der Kunsthalle Rostock mit einer großen Retrospektive geehrt. Zu sehen sind Werke aus DDR-Zeiten, aktuelle Bilder, Grafiken, Illustrationen, Objekte.
Hans-Ticha-Retrospektive, Kunsthalle Rostock, bis 15. März 2026
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