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Aus: Ausgabe vom 12.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Comic

Das Echo der Katastrophe

Musik und Widerstand: David Prudhommes wundervolle Comicbände »Rembetiko« und »Rembetissa«
Von Marc Hieronimus
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Souveränes Spiel mit Farben und Formen

Wenn im Tagtraum die Fee mit dem Chronoteleporter kommt und einen Urlaub in einer europäischen Stadt der Wahl im Jahre 1930 anbietet, denkt man an Paris oder Berlin, wenn eine zerebrale Sprachinstallation inbegriffen ist, vielleicht auch an Moskau, Lwiw oder Madrid, aber wahrscheinlich nicht an Thessaloniki, Athen oder Piräus. Zu Unrecht, denn da spielte die Musik, und zwar der Rembetiko.

Er entstand Anfang der 1920er Jahre, als viele verarmte Bauern in die Städte strömten und dort auf ihre geflüchteten Landsleute aus Kleinasien trafen, die mit dem Ende des Griechisch-Türkischen Krieges aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Die Rembetes und wenigen Rembetissas, d. h. die Musiker, Sänger und Sängerinnen des Rembetiko, waren unter den Bourgeois nicht gut angesehen, galten als Gammler, Gauner, Drogenabhängige. Sie verkörperten den türkischen, orientalischen Teil der Griechen und sangen in ihren Liedern unter anderem von Drogen, Glücksspiel, Raufereien, Ärger mit der Polizei und allgemein vom Elend des Lebens am Rande der Gesellschaft. Kein Wunder, dass der Rembetiko unter dem General Ioannis Metaxas (1936–1941) verboten wurde. Er hatte sich nach der Niederschlagung eines Arbeiteraufstands im August 1936 zum Diktator aufgeschwungen und träumte mit dem westgriechischen Bürgertum von einer »Dritten griechischen Zivilisation«, die sich nun an die klassische Antike und das Byzantinische Reich anschließen sollte.

»Eure Schuld ist es, Orient und Okzident in hypnotischem Gesang zu vereinen«, sagt ein Gefängnisdirektor am Anfang von »Rembetiko« zu Markos Vamvakaris, den es wie die meisten der Figuren in David Prudhommes nun mit »Rembetissa« fortgesetzten Comic wirklich gegeben hat. »Eure Musik klingt wie das Echo der großen Katastrophe von 1922«, so der Markos wohlgesonnene Knastchef. »Die Faschisten ertragen es nicht, dass diese Niederlage einen Gesang gebiert.«

Vamvakaris’ Entlassung steht am Anfang der Geschichte, in der so schrecklich viel nicht passiert. Denn was macht so ein Manga (»starker Kerl, Rüpel«) tagsüber? Lange schlafen, spazieren, quatschen, ein wenig rauchen und trinken, Spießer ärgern, ein paar kleine Händel treiben. Manchmal gibt es Zoff wegen einer Frau, ab 1936 aber immer häufiger auch mit der Polizei.

Die stolzen und starken Kerle beschreibt Wikipedia wie folgt: »Mangas war eine Bezeichnung für Männer, die der Arbeiterklasse angehörten, sich besonders arrogant/prunkvoll verhielten und eine sehr typische Kleidung trugen, die aus einem Hut aus Wollfilz (kavouraki, καβουράκι), einer Jacke (von der sie gewöhnlich nur einen Ärmel trugen), einem engen Gürtel (der als Messeretui diente), einer gestreiften Hose und spitzen Schuhen bestand. Weitere Merkmale ihres Aussehens waren ihr langer Schnurrbart, ihre Perlenketten (κομπολόγια) und ihr eigenwilliger manierierter Hinkefußgang (κουτσό βάδισμα).«

Genau so stellt Prudhomme dieses »Kroppzeug« dar, wie es im Originaltitel in Anlehnung an ein bekanntes Brassens-Lied heißt (»La mauvaise herbe«), erfüllt historische Fotovorlagen mit Leben und meisterhafter Farbe, der allein man einen Artikel widmen könnte: Die Mittelmeersonne am Morgen, Nachmittag, Abend, das Schattenspiel unter einem Blätterdach, die schummerige Tavernenbeleuchtung …

Sein Handwerk gelernt hat Prudhomme an der Zeichenschule in Angoulême, wo er schon als Student, gerade Anfang 20, mit der Serie »Ninon secrète« die ersten Comics veröffentlicht. »Ich bin kein Grieche, geschweige denn Musiker, ich habe schon geraume Zeit nicht mehr geraucht«, schrieb er 2009 in der Einleitung. Da hatte er schon »Songcomics«, wie sie der Ventil-Verlag heute nennt, zu Brel, Vian und Piaf geschaffen, und über die Musik ist er auch zur Geschichte dieses nun fortgesetzten Meisterwerks gekommen.

Teil eins schildert einen Tag: Batis, Cafébetreiber und »König von Piräus«, der drogenaffine Artemis, besagter Markos und ein gewisser Stavros – »jede Ähnlichkeit mit wahren Begebenheiten und Personen ist hier durchaus nicht zufällig« – finden sich zusammen, rauchen eine Nargile, also Haschpfeife, haben Ärger mit einem besonders dienstbeflissenen Polizisten, und am Abend ziehen sie endlich durch die Tavernen. Ein Kleinkrimineller will mit Stavros eine Rechnung begleichen, aber der singt ihm eine improvisierte Zeibekiko. Das ist ein Rhythmus in 9/4 oder 9/8, wo dem ungeübten Westhörer mit seinen Vierviertel-verhornten Ohren das Mitklatschen schwerfällt. Der Verhöhnte verpfeift die Truppe an die Bullen, die stürmen das Lokal, werden aber von den Gästen und Musikern aufgemischt. Letztere fliehen in ein anderes Viertel.

Teil zwei greift die Geschichte auf, wo die erste endet: Mehr und mehr Lokale müssen schließen, Gruppen lösen sich auf – es sei denn, sie passen sich an und spielen die westlicheren Kantades, unpolitische Liebeslieder, die gewiss nicht ganz zufällig auch den Großteil unserer heutigen Radiomusik ausmachen. Ende 1936 gibt es nur wenige Optionen für die Künstler: umlernen, ins Ausland gehen, schauspielern oder »echter« Arbeit nachgehen. Frauen wie die schöne Beba und ihre Halbschwester Marika, die in der Fortsetzung »Rembetissa« die Hauptrolle spielen, haben es noch einmal anders schwer.

Copélia Mainardi beschrieb den Rembetiko in Le Monde diplomatique als »Kulturrevolution der Arbeiterklasse« und »entscheidendes politisches Ereignis, aber leider mit begrenzter Wirkung.« Sie zitiert den Musiker und Aktivisten Argiris Nikolaou. »Das Genre hat insoweit versagt, als keine Verantwortlichen benannt oder Lösungen vorgeschlagen wurden, etwa in Form eines konkreten politischen Konzepts. Dennoch steht es für einen gewissen Widerstand gegen die Art von Schrott, mit dem der Kulturimperialismus der Musikindustrie uns zumüllt.« (Le Monde diplomatique, 12.10.2023.)

Aber wie klingt das denn jetzt? Eine typische Tonleiter des Rembetiko heißt in deutschen Musiklehrwerken bis heute »Zigeuner-Dur«. Sie stammt aus der arabischen Hijaz-Familie, ist aber technisch die fünfte Stufe einer Harmonisch-Moll-Tonleiter und damit problemlos auf »westlichen« Instrumenten spielbar. Der Laie kennt sie vom im Original sehr getragenen »Misirlou«, das Dick Dale und nach ihm die Beach Boys als Surfmusik interpretierten, bevor es dann wiederum Jahrzehnte später die Black Eyed Peas in »Pump it« verwurstet haben. Ansonsten selber reinhören! Im ersten Band empfiehlt Prudhomme als Klangspur zur Lektüre die exzellente Doppel-CD »Rembetika – Manges Passion Drugs Jail Disease Death / Songs of the Greek Underground 1925–1947« (Trikont), im zweiten Band zählt er drei Dutzend Stücke auf, die ihm besonders gefallen, darunter einige aus dem ebenfalls dreiviertel-authentischen Film »Rembetika« von Kostas Ferris (Großbritannien, 1983).

David Prudhomme: Rembetiko. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt-Verlag, Berlin 2010, 104 Seiten, 24 Euro

David Prudhomme: Rembetissa. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt-Verlag, Berlin 2025, 112 Seiten, 25 Euro

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