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Aus: Ausgabe vom 09.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Gazakrieg

Soweit das Auge reicht

Eine Ausstellung des Kollektivs Activestills in Berlin über die Verheerung in Palästina
Von Matthias Reichelt
Military training in the Palestinian village of Jinba in Masafer

Ginge es nach den Verteidigern der deutschen Staatsräson bezüglich Israel, würde diese Ausstellung des Activestills-Kollektivs nicht in Berlin gezeigt werden können. Es ist zu bezweifeln, ob sich eine staatliche Institution bereitgefunden hätte, »Documenting life, death and resistance in Palestine« einen Raum zu bieten. Denn sie dokumentiert mit Fotografien und Videos das brutale israelische Vorgehen in Gaza und der Westbank, die enorme Zerstörung und die äußerst schwierigen Überlebensbedingungen der dortigen Zivilisten. Derzeit ist sie im Kunstraum in der Villa Heike als Übernahme vom Finnischen Museum für Fotografie in Helsinki zu besichtigen.

Die Journalisten des Kollektives sind palästinensisch, jüdisch-israelisch oder aus anderen Weltregionen. Sie alle leisten Widerstand, indem sie ihre Arbeit tun: Sie dokumentieren mit ihren Kameras die Verbrechen – ähnlich wie es auch das israelische Informationszentrum für die Menschenrechte in den okkupierten Gebieten, »B’Tselem«, seit vielen Jahren tut.

Den Namen Activestills könnte man auch umgekehrt lesen: Still Active. Schließlich wurden schon Hunderte Journalisten von der israelischen Armee (IDF) ermordet. Es besteht der starke Verdacht, dass die IDF diese absichtlich ins Visier nehmen, um die internationale Berichterstattung über den Krieg zu unterbinden, den sie seit dem Massaker palästinensischer Militanter am 7. Oktober 2023 mit aller Härte führen. In israelischen Medien kommen die Bilder der Zerstörung eh so gut wie gar nicht vor.

In der Ausstellung »Leben, Tod und Widerstand in Palästina« bekommt man hingegen das ganze Ausmaß des Krieges gegen Gaza vor Augen geführt. Trümmer, soweit das Auge reicht. Dennoch versucht die Bevölkerung dort, eine Art »Normalität« zu leben. Das resultiert in teils völlig absurd wirkenden Szenen. Ein Foto zeigt eine lange, mit rotem Tuch und Speisen bedeckte Tischreihe zum Fastenbrechen im Ramadan – inmitten apokalyptischer Verwüstung. Das Bild zeigt zugleich das verzweifelte Beharren der Menschen, die religiösen Rituale als Reminiszenz an ihr früheres Leben einzuhalten. Außerdem sind entsetzliche Bilder zu sehen von sich gegenseitig bedrängenden Kindern bei den Ausgaben von Lebensmitteln, die mit Töpfen und anderen Gefäßen verzweifelt versuchen, wenigstens etwas für ihre Familien zu erhaschen. Das Hungern und Verhungern vor allem von Kindern wird hierzulande oft in Abrede gestellt oder relativiert, selbst von vermeintlich linken Medien (etwa Konkret). Es ändert nichts an den Tatsachen. Die Versorgungslage war und ist katastrophal – was von der Besatzungsmacht gewollt ist.

Auch im Westjordanland wird die Lage für die Palästinenser immer bedrohlicher. Der illegale israelische Siedlungsbau, die Zerstörung palästinensischer Orte und die Vertreibungen werden forciert. Die in der Schau zu sehenden Bilder zeigen etwa den Abriss einer Moschee mit Baggern, die Ruinen alter Häuser von geräumten Dörfern und Demonstrationen gegen die Besatzer. Nicht zuletzt die Brutalität der militanten Siedler gegenüber den palästinensischen Zivilisten wird festgehalten. »Eines Tages werden alle immer schon dagegen gewesen sein« (Omar El Akkad).

»Activestills: Documenting life, death and resistance in Palestine«, Villa Heike, Freienwalder Str. 17, 13055 Berlin, bis 14.2.2026, Fr. 16–20 Uhr, Sa./So. 14–20 Uhr

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