Chinas gefährdete Investitionen
Von Jörg Kronauer
Keine Frage: Die schwersten ökonomischen Schäden verursacht der US-Überfall auf Venezuela dem südamerikanischen Land selbst. Schon die angekündigte Übernahme des venezolanischen Erdöls durch US-Konzerne wirft die venezolanische Wirtschaft nicht nur hinter die Errungenschaften der Bolivarischen Revolution, sondern sogar hinter die Verstaatlichung der Ölindustrie 1976 unter dem damaligen Präsidenten Carlos Andrés Pérez zurück. Das Land wird künftig wohl wieder ausgeplündert wie in den finstersten neokolonialen Zeiten. Ökonomisch durchaus empfindlich getroffen werden allerdings auch weitere Staaten – nämlich diejenigen, die mit Venezuela unter seinen Präsidenten Hugo Chávez und Nicolás Maduro eng kooperierten. Mit Abstand am stärksten exponiert ist China.
Im Mittelpunkt steht auch für Beijing zunächst das venezolanische Öl, dessen bedeutendster Abnehmer bislang China war. Den möglichen Ausfall des Rohstoffs selbst wird die Volksrepublik verkraften können; sie bezog zuletzt nicht einmal fünf Prozent ihrer gesamten Öleinfuhr aus Venezuela. Ernstere Probleme könnten andernorts entstehen, denn Caracas zahlte mit seinen Öllieferungen regelmäßig chinesische Kredite ab. Sein aktueller Schuldenstand wird auf rund zehn bis zwölf Milliarden US-Dollar beziffert. Die Summe könnte für China verloren sein.
Ebenso verloren sein könnten die chinesischen Investitionen in die venezolanische Ölindustrie. So hat die China National Petroleum Corporation mit Venezuelas Staatskonzern PDVSA im Jahr 2008 ein Joint Venture namens Petro Sinovensa gegründet, das modernste Förderanlagen errichtet hat. Erst im August hat die private China Concord Resources Corporation mitgeteilt, sie werde umgerechnet mehr als eine Milliarde US-Dollar in die venezolanische Ölproduktion investieren. Bereits am Sonntag kündigte PDVSA an, Petro Sinovensa werde die Förderung umgehend reduzieren müssen.
Stark involviert sind chinesische Konzerne – vor allem Huawei und ZTE – seit mehr als 20 Jahren auch in Venezuelas Telekommunikationsinfrastruktur. Huawei etwa war am Aufbau des venezolanischen 4G-Netzes stark beteiligt. Man darf annehmen, dass der Konzern auch in den geplanten Aufbau neuer 5G-Netze eingebunden worden wäre. Beobachter gehen davon aus, dass Trump die chinesische Telekommunikationstechnik entfernen und durch westliche ersetzen lassen wird. Ähnliches hatte Washington im vergangenen Jahr in Panama erzwungen, wo nun hohe Summen in aufwendige »Rip and Replace«-Programme (»herausreißen und ersetzen«) investiert werden. Aufgrund der bisher starken chinesischen Präsenz in Lateinamerika gilt ein umfassendes Ersetzen allerdings als schwer zu stemmendes Mammutprogramm.
Auf ein besonders heikles Feld wies am Dienstag ferner die South China Morning Post hin: auf Venezuelas von chinesischen Unternehmen errichtete Satelliteninfrastruktur. Dazu zählt nicht nur der venezolanische Erdbeobachtungssatellit VRSS 2. Auch die Bodenstationen auf dem Luftwaffenstützpunkt »Captain Manuel Rios« bei El Sombrero, gut 100 Kilometer südlich von Caracas und nahe Luepa weit im Südosten des Landes, arbeiten mit chinesischer Technologie. Beobachter gehen davon aus, dass nicht nur Venezuela, sondern auch China von den Daten, die dort gewonnen werden, profitiert hat. Der Verlust der Bodenstationen wäre ein empfindlicher Schlag für Beijing – nicht zuletzt, weil die Volksrepublik bislang in puncto Satellitenstationen nur begrenzte Optionen außerhalb ihres eigenen Hoheitsgebiets hat. Eine von China betriebene Raumstation in der argentinischen Provinz Neuquén wird seit einiger Zeit von den USA attackiert. Den geplanten Bau eines argentinisch-chinesischen Radioteleskops musste Buenos Aires kürzlich auf Druck aus Washington abbrechen.
Klar ist: China wird sich gegen Angriffe auf seine Wirtschaftsprojekte in Venezuela zur Wehr setzen; und es hat – Stichwort: seltene Erden – allerlei Möglichkeiten, echten Druck auszuüben. Trumps Ankündigung vom Wochenende, Venezuela werde sein Öl weiter nach China liefern dürfen – und damit womöglich auch seine Schulden bedienen können –, dient offenkundig der Besänftigung.
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