Strich durch die Rechnung
Von Bernard Schmid, Paris
Es hätte so schön werden sollen: Für ihr Großereignis hatten sie vorgesehen, die Kongresshalle von Versailles anzumieten. Die frühere Königsstadt westlich von Paris sollte der Ort werden, an dem die Anhänger der »Bewegung für die Autonomie der Kabylei« – französisch abgekürzt MAK – die »Unabhängigkeit« dieser berbersprachigen Region in Algerien proklamieren würden. Doch am Sonntag vormittag verbot der Präfekt, der juristische Vertreter des Zentralstaats im Bezirk, die Veranstaltung. Nähere Gründe wurden in der Verbotsverfügung zunächst nicht genannt. Hingewiesen wurde lediglich indirekt auf Sicherheitsbedenken.
Durch seine Pläne erhielt der MAK eine bis dahin unbekannte Aufmerksamkeit in französischen Medien. Die de facto separatistische Organisation war im Juni 2001 gegründet worden. Ihre Entstehung stand im Kontext des »Schwarzen Frühlings« in den durch die berberische Minderheit der Kabylen geprägten algerischen Bezirken Tizi Ouzou und Bejaia. Infolge der Nachricht vom Tod des 19jährigen Massinissa Guermah auf einer Polizeiwache am 20. April 2001 war es damals zu wochen- und monatelangen Unruhen gekommen. 120 Menschen starben bei deren Niederschlagung. Es ging den Protestierenden auch um kulturelle Diskriminierungen und die Benachteiligung der Berbersprachen gegenüber dem Arabischen. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung in der Berberregion will allerdings gewiss keine Abtrennung vom übrigen Algerien. Eine Minderheit sah und sieht das jedoch anders, will die Kabylei »näher an Europa als an Nordafrika« positioniert sehen, ja hängt einem mehr oder auch weniger verdeckten antiarabischen Rassismus an.
Der Gründer des MAK, der frühere Sänger Ferhat Mehenni, tritt im Internet wie ein Kaiser in seinem Reich auf, vor dem Hintergrund einer Fahne in den traditionellen Berberfarben blau, grün und gelb mit einem roten Buchstaben des berberischen Alphabets Tifinagh und einem Lorbeerkranz in der Mitte. Da »der Feind meines Feindes in Algier mein Freund ist«, sucht er offen Unterstützung in Frankreich und in Israel. Die algerische Regierung wiederum hat den MAK 2021 offiziell als »terroristische Organisation« eingestuft.
Am 29. Juni und 3. Dezember wurde in Tizi Ouzou der französische Sportjournalist Christophe Gleizes in zwei Gerichtsinstanzen zu sieben Jahren Haft unter anderem wegen »Terrorunterstützung« verurteilt. Der Grund sind Interviews, die er mit Mitgliedern des Fußballclubs JSK in derselben Stadt geführt hatte. Denn einige JSK-Sportler unterstützen mittlerweile den MAK. Hinter den Kulissen dürfte aber weiter über eine vorzeitige Haftentlassung verhandelt werden, wobei Algerien mit dem harten Urteil die Verhandlungsmasse erhöht hat. Nicht auszuschließen ist, dass die Absage an den MAK in Versailles auch vor diesem Hintergrund steht.
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Leserbrief von Hartmut Wüllner aus Hille (15. Dezember 2025 um 17:40 Uhr)Hm, interessant, da ist man flott dabei mit »Separatismus«. Darf man denn auch mal fragen, warum die das wollen? Und wie schnell seid ihr denn mit dem »Separatismus«-Vorwurf bei allerlei anderen Aktionen in der Welt, Katalonien, Baskenland, Irland und, und. Vielleicht wäre es mal nötig, das negativ konnotierte »Separatismus« ein wenig zu objektivieren. Mögen wir die einen, die anderen nicht? Was die Kabylen betrifft: Egal, ob sich dort ein Wortführer als Sänger oder als Kaiser gibt. Haben die Kabylen keinen Grund für ihren Unmut? Schwarzer Frühling 2001, alles nur als Fußnote erwähnt? Wer da wen umgebracht hat? Es reicht nicht, zu sagen, sie seien antiarabisch, wenn man nicht fragt, warum sie das denn sind. Gründe kann man bei der Wikipedia nachlesen. Dort findet sich auch irgendwo der Hinweis, die Kabylen seien antiislamistisch. Oder reicht es schon als Kritik, wenn diese Leute eher euro-phil als afro-phil sind.? Bisschen mehr Differenzierung.
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