Rätselhafter Crash in der Türkei
Von Bernard Schmid
Eine solche Ankündigung deutet auf ein gewisses Misstrauen gegenüber den Vorgängen hin: Der Flugschreiber der abgestürzten Maschine soll in »einen neutralen Drittstaat« verbracht und dort ausgewertet werden. Dies kündigte der Transportminister der Türkei, Abdulkadir Uraloğlu, an und fügte hinzu: »Die Ergebnisse werden in transparenter Weise unserer Nation und der gesamten Welt mitgeteilt werden.« Sein Kollege aus dem Justizressort, Yılmaz Tunç, teilte wiederum mit, »diesbezüglich Kontakt mit Deutschland aufgenommen« zu haben, wo gerichtsmedizinische Untersuchungen zur Ursache des Unglücks durchgeführt werden sollten. Offenkundig bewegen sich einige Spitzenpolitiker wie auf rohen Eiern, wenn es um den Umgang mit den Folgen des Flugzeugabsturzes in der Nähe der türkischen Hauptstadt Ankara vom 23. Dezember geht.
Dies ist auch nachvollziehbar, befanden sich doch politisch hochrangige Fluggäste an Bord. Auch ist der Hergang des Absturzes längst noch nicht geklärt. Jedenfalls zeigten türkische Privatfernsehsender Bilder, die von einer Explosion stammende Lichtblitze am Himmel dokumentieren sollen. Ihnen zufolge stammen sie aus der Nähe der Stelle, von der aus die Maschine Notsignale aussandte. Das Flugzeug vom französischen Typ »Falcon 50« gehörte der in Malta ansässigen privaten Fluggesellschaft Harmony Jet. Diese weigerte sich zunächst, die Nationalität der Mannschaft an Bord zu präzisieren, erklärte jedoch, ihre Flugzeuge würden im französischen Lyon inspiziert und gewartet. Die türkische Internetseite Airport Haber steuerte zudem bei, Pilot und Kopilot seien Franzosen gewesen. Daraufhin erklärte das in Frankreich für Untersuchungen zur Flugsicherheit und zu Flugunglücken zuständige Büro BEA laut Le Monde, man beteilige sich an den Ermittlungen in der Türkei mit eigenen Sachverständigen.
Die prominentesten Opfer des Crashs waren jedoch libysche Staatsangehörige, unter ihnen Generalstabschef Mohammed Ali Ahmed Al-Haddad sowie der Oberkommandierende der Infanterie, General Al-Fituri Ghraibil, Generalstabsberater Mohammed Al-Asawi Diab und der Direktor der Rüstungsproduktion, Mahmud Al-Katawi. Ihren Tod bestätigte Premierminister Abd Al-Hamid Dbeiba auf X. Er sprach von einem »schweren Verlust für das Vaterland«.
Zuvor hatte Al-Haddad den türkischen Verteidigungsminister Yaşar Güler und weitere hohe Regierungsfunktionäre in Ankara getroffen. Dass die Delegation sich in der Türkei aufhielt, nimmt politisch nicht wunder, denn dieses Land ist neben Katar einer der beiden wichtigsten Staaten, die die in Westlibyen ansässige und offiziell von der UNO anerkannte »nationale Einheitsregierung« Dbeibas unterstützen. Die ebenso wie das offizielle Parlament in der Hauptstadt Tripolis ansässige Exekutive ist jedoch nur eine von zwei rivalisierenden Regierungen in dem faktisch seit 2014 gespaltenen Land. Denn in Ostlibyen amtiert mit dem Alternativparlament in Tobruk und dem de facto diese Landeshälfte kontrollierenden militärischen Machthaber Marschall Khalifa Haftar in Benghasi eine Gegenregierung.
Erstaunlich scheint auch, dass eine französische Bordmannschaft die Maschine mit dem westlibyschen Armeepersonal steuerte. Denn Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hat in den vergangenen Jahren eher Haftar unterstützt, den er im März im Élysée-Palast empfing. Hinter Haftar stehen aus unterschiedlichen strategischen Gründen auch Russland, Ägypten und Saudi-Arabien. Tripolis dagegen hat die Achse Türkei/Katar als Rückhalt.
Dass Pilot und Kopilot »nur« zivile Berufstätige gewesen seien, ist unglaubwürdig, denn ihnen würde man ohne politische Absicherung nicht einen solchen Regierungsflug anvertrauen. Möglich ist, dass die französische Politik ihrerseits in Libyen zweigleisig fährt und/oder auf Distanz zu Haftar geht, etwa auch, weil dieser sich im Bürgerkriegsland Sudan allzusehr zugunsten Mohammed Hamdan Daglos engagiert, des Chefs der Miliz »Schnelle Eingreiftruppen« (RSF), der schwere Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen werden.
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