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Aus: Ausgabe vom 29.12.2025, Seite 6 / Ausland
Syrien

Teile und herrsche in Syrien

Recherche: Israel bewaffnet drusische Miliz seit einem Jahr. Auch Dschihadisten wurden gefördert
Von Wiebke Diehl
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Kämpfer der SDF in Aleppo (9.4.2025)

Neben militärischen Interventionen und der Besetzung von Territorium nutzt Israel auch die Bewaffnung von Milizen in Syrien, um den eigenen Einfluss zu festigen und auszubauen. Zu diesem Schluss kommt eine am Dienstag veröffentlichte Recherche der Washington Post (WP). Demnach begann die israelische Bewaffnung drusischer Kämpfer bereits im vergangenen Dezember – nur neun Tage nach dem maßgeblich vom Al-Kaida-Ableger Haiat Tahrir Al-Scham (HTS) herbeigeführten gewaltsamen Sturz der syrischen Regierung.

Die an eine drusische separatistische Miliz namens »Militärrat« gelieferten Waffen seien laut WP zwischen Paletten mit humanitären Hilfsgütern versteckt worden. Ihre Lieferung erfolgte angeblich, weil Tel Aviv über die Machtübernahme durch den Dschihadisten Ahmed Al-Scharaa im Dezember 2024, der seither seinen Kampfnamen Abu Muhammad Al-Dscholani abgelegt hat und sich im Januar zum Übergangspräsidenten ernannte, besorgt war. Faktisch hat Israel allerdings – wie auch die CIA, die Golfstaaten und die Türkei – seit spätestens 2013 die bewaffnete extremistische Opposition in Syrien im Regime-Change-Krieg gegen die Regierung von Baschar Al-Assad unterstützt. Von israelischen Waffen, Finanzierung und medizinischer Versorgung profitierte auch die damalige Fatah-Al-Scham-Front (auch als Nusra-Front bekannt), die später in der HTS-Miliz aufgehen sollte. Zudem erhielt sie Luftunterstützung, als sie im Jahr 2014 in direkte Kämpfe mit der syrischen Armee und der libanesischen Hisbollah verwickelt war.

Tel Aviv versuchte schon während des Syrien-Kriegs über die drusische Gemeinschaft, deren Kämpfer ebenfalls finanziell, medizinisch und mit Waffen und Training unterstützt wurden, auf eine Destabilisierung und Zerteilung des Landes hinzuarbeiten. Da ein Großteil der syrischen Drusen allerdings an ihrer Unterstützung für Assad festhielt und sich wie er weigerte, die israelische Annexion der Golanhöhen anzuerkennen, verzeichnete die israelische Kampagne nur mäßigen Erfolg.

Laut dem Bericht der WP erreichte der israelische Waffenfluss an die syrischen Drusen seinen Höhepunkt während der bewaffneten Zusammenstöße mit »Sicherheitskräften« der HTS-Regierung im vergangenen April. Im Juli, als dem Verteidigungsministerium unterstellte Milizionäre in Suweida über tausend Drusen massakrierten, griff Israel wie bereits drei Monate zuvor militärisch ein. Im August, als Tel Aviv in direkte Gespräche mit der HTS-Regierung, die die israelische Besatzung syrischen Territoriums tatenlos hinnimmt, eintrat, sollen die Waffenlieferungen an die Drusen gestoppt worden sein. Bis heute werde aber nichttödliche militärische Ausrüstung über den drusisch besiedelten Gebieten Syriens abgeworfen. Zudem leiste Tel Aviv weiterhin monatliche Zahlungen zwischen 100 und 200 US-Dollar an etwa 3.000 drusische Milizionäre.

Wie die WP ebenfalls berichtete, halfen die kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die jahrelang den US-amerikanischen Öldiebstahl aus Syrien zuließen und nach Angaben der von der Zeitung befragten israelischen Offiziellen ebenfalls Verbindungen zu Israel unterhalten, dabei, dem drusischen Militärrat Gelder zukommen zu lassen. Außerdem hätten die SDF sogar noch zu Zeiten der Regierung Assad der drusischen Miliz bis zu einer halben Million US-Dollar zukommen lassen sowie deren Kämpfer ausgebildet.

Kurz vor Weihnachten ist es auch zwischen den SDF und der HTS-Armee erneut zu schweren Zusammenstößen gekommen. In Aleppo sind dabei mindestens zwei Menschen getötet worden. Die »Regierung« behauptet, die SDF wollten das am 10. März mit Damaskus unterzeichnete Abkommen zur Integration ihrer Kämpfer in die Armee untergraben. Die SDF hingegen sieht die Verantwortung für die Gewalteskalation beim Militär. Während die kurdisch dominierten Kräfte als Block in die Armee eintreten wollen, forderte die »Regierung« zunächst eine komplette Auflösung und einen darauffolgenden Eintritt von Einzelpersonen. Inzwischen soll sie aber einen Kompromissvorschlag vorgelegt haben, wonach etwa 50.000 SDF-Kämpfer als drei intakte Divisionen und kleinere Brigaden zu integrieren sind.

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