Der Gangsterkapitalismus kommt
Von Mumia Abu-Jamal
Es wäre töricht, Vorhersagen über die Zukunft zu treffen. Manchmal sind jedoch Dinge so klar, dass sie sich in unser Gedächtnis einprägen. Heute scheint ein solcher Moment zu sein. Die treibenden Kräfte hinter der Maschine sind nicht nur die ruinösen Auswirkungen von Zöllen, sondern auch die erklärten Absichten der Klasse der Ultrareichen, die Arbeitswelt durch die Einführung von künstlicher Intelligenz (KI) grundlegend zu verändern. Diese neuen Technologien stehen für einen tiefgreifenden Wandel. KI wird bald etwa vierzig Prozent der Jobs für Berufseinsteiger in der Wirtschaft ersetzen, wobei sie bereits jetzt Studierende und Hochschulabsolventen verdrängt, die trotz ihres Abschlusses keine Arbeit finden können.
Diese Realität spiegelte sich kürzlich in einer öffentlichen Erklärung des reichsten Menschen der Welt, Elon Musk, wider, als er sagte: »Arbeit wird optional sein.« In der realen Welt bedeutet dies, dass das Kapital erstmals seit der industriellen Revolution in der Lage ist, Technologien wie KI – also nichtmenschliche Arbeitskraft – einzusetzen, um Massenprodukte herzustellen. Diese nichtmenschlichen Technologien schlafen nicht, essen nicht, machen keinen Urlaub, streiken nicht und führen dennoch komplexe Aufgaben aus, solange sie mit Energie versorgt werden. Ja, Arbeit mag »optional« sein, aber wie sieht es mit Essen aus? Ist das auch optional? KI verbraucht lediglich Energie und Daten. Damit verändern die Ultrareichen die Welt vor unseren Augen – allerdings nicht zum Besseren.
Karl Marx sagte einmal, der Kapitalismus würde alle chinesischen Mauern niederreißen. Mit anderen Worten: Er zerstört in seinem Profitstreben alles. In »Das Kapital« beschreibt Marx die Entstehung der Arbeiterklasse. Sie ist nicht wie Bäume oder Gras natürlich gewachsen. Sie entstand, als das gemeine Volk (die sogenannten Commoners) seiner in Gemeinbesitz befindlichen Ländereien beraubt wurde. Seine Ländereien, die sogenannten Commons, wurden eingezäunt, und das Parlament verbot unter Strafe den Zugang zu den Wäldern und den Erträgen der Bäume.
Diese Gesetze und Praktiken sollten das einfache Volk dazu zwingen, künftig in lauten und schmutzigen Fabriken für die Hersteller von Produkten zu arbeiten. Tatsächlich, so erklärt Marx, terrorisierten die Regierungen die einfachen Bürger mit brutalen Strafen wie der Hinrichtung von Taschendieben, die übrigens so wagemutig waren, dass sie sogar während öffentlicher Hinrichtungen Taschendiebstähle begingen.
Kehren wir nun zu den Fragen der Gegenwart und der Zukunft zurück. Was passiert mit der Arbeiterklasse, wenn es keine Arbeitsplätze mehr gibt? Erwartet ihr ernsthaft, dass sich die Megareichen darum scheren, was aus den Werktätigen wird? Erwartet ihr wirklich, dass sich die Superreichen, von denen die meisten nicht einmal Steuern zahlen, um euch kümmern? Wir werden wirtschaftliche Verwerfungen und Zerstörungen erleben, wie es sie seit den 1930er Jahren nicht mehr gegeben hat. Wir leben nicht in einer Ära des Casinokapitalismus oder gar des Crony Capitalism (der sich durch die enge Verflechtung von Kapital und Staatsmacht auszeichnet, jW). Was wir jetzt erleben, ist Gangsterkapitalismus, bei dem alles, was nicht niet- und nagelfest ist, gestohlen wird. Das sind die wahren Gründe für Zölle: Man nimmt sich, was man kriegen kann. Punkt. Deshalb setzt die Investorenklasse ihr Geld jetzt auf das Geschäft mit der KI, also mit nichtmenschlicher Arbeitskraft, um sich selbst bis in alle Ewigkeit zu bereichern.
Übersetzung: Jürgen Heiser
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf Gerkan aus Hannover (30. Dezember 2025 um 12:28 Uhr)Wenn Marx sich hier man nicht irrt. Ohne das Zeitalter der Industriellen Revolution mit seinem rasanten Bevölkerungswachstum studiert zu haben, tippe ich doch mal, dass entsprechend des wiki-Artikels »Tragik der Allmende« eine Übernutzung der als Allgemeingüter geltenden Weiden und Wälder einer der Gründe für die gesetzlich eingeführten Nutzungseinschränkungen gewesen sein könnte. Es gab keine Notwendigkeit, Menschen von der Landwirtschaft in die Fabriken zu zwingen. Menschen gab es ganz im Gegenteil mehr als genug, wie auch die massive Auswanderung nach Amerika beweist. Neben dem Bevölkerungswachstum nötigte auch die zunehmende Innovation der Fertigungsprozesse die Menschen in die Fabriken, weil klassische Arbeitsmethoden immer unwirtschaftlicher wurden. Auch Trumps Zölle dürften nicht nur einem Gangsterkapitalismus entspringen, sondern sie sind auch Ausdruck klassischer Wirtschaftspolitik, zu deren vier Grundforderungen eine ausgeglichene Handelsbilanz gehört. Die US-Klagen über deutsche und europäische Exportüberschüsse und entsprechende Verschuldung der Amerikaner sind keine Neuigkeit. Auch innereuropäisch ist die Exportstärke der deutschen Wirtschaft mitverantwortlich für die Euro-Krise. Bevor man mit dem Finger auf andere zeigt, sollte man erst einmal vor der eigenen Tür kehren. Man hätte zum Beispiel durch bessere Lohnabschlüsse die deutsche Exportkraft mindern können. Jetzt wird uns die Minderung von außen aufgedrückt, mit der Nord-Stream-Sprengung und den Zöllen. Das kommt davon, wenn man schläft und den Rest der Welt nicht wahrnehmen will. Diese Schlafmützigkeit kennt man ja auch aus der europäischen Analyse der Ursachen des Ukraine-Krieges. Die Augen - etwa mittels Medienverboten und Sanktionen gegen Journalisten - vor der Wirklichkeit zu verschließen, ist kein gutes Rezept.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfgang Schlenzig aus Berlin-Mariendorf (29. Dezember 2025 um 15:27 Uhr)Nun, wenn die Gangsterkapitalimusklasse umfassend KI einsetzt, um ohne weitere Menschen zu agieren, von Arbeiterklasse im klassischen Sinne will ich nicht mehr sprechen, dann müssen sie sich trotzdem noch um die Übriggebliebenen, nicht mehr zu Gebrauchenden kümmern. Denn was soll die ganze Technik, die daraus resultierenden Leistungen und Produkte, wenn die Elenden, die Menschen, sie nicht mehr konsumieren können, also dem Kapitalismus der Sinn abhanden gekommen ist? Es könnte aber sein, die Techkonzernspitzen, die Oligarchen und das mit ihnen verbundene Managerpack kümmern sich nur noch um sich und überlassen den »Rest« sich selbst, schotten sich ab gegen jedes Aufbegehren. In US-amerikanischen Science-Fiction-Filmen ist so was zu sehen.
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