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Aus: Ausgabe vom 23.12.2025, Seite 6 / Ausland
Konflikt im Nahen Osten

Nächste Runde gegen Teheran

Israel drängt USA zu erneuten Angriffen auf Iran. Vorwand ist das Raketenprogramm des Landes
Von Knut Mellenthin
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Der nächste Angriff kommt, die Frage ist nur: Wann? – Oberbefehlshaber Amir Hatami besucht Grenztruppen im Westen Irans (22.12.2025)

Es werde erwartet, dass Benjamin Netanjahu während seines Besuchs bei Donald Trump am kommenden Montag den US-Präsidenten »über die Ausweitung der iranischen Raketenproduktion unterrichten« und ihm »Optionen für Militärschläge« vorstellen werde, meldete CNN am Sonnabend. Der US-Sender berief sich für diese Darstellung auf »eine Person mit direkter Kenntnis der Pläne« und vier nicht namentlich identifizierte »US-Offizielle, die über die Pläne informiert sind«. Vor allem die Medien Israels, aber auch die aller anderen Länder, die zur westlichen Einheitsfront zu rechnen sind, schlugen Alarm. Journalistenpflicht, denn dass CNN etwas gemeldet hatte, ist unzweifelhaft Tatsache.

Der Vorgang ist ein Lehrbeispiel für die Arbeitsweise »unserer« Medien: Ein Gemisch aus simpler Logik und allgemein zugänglichen Informationen wird als exklusives Insiderwissen präsentiert. Selbstverständlich dient der Besuch des israelischen Premierministers nicht nur dazu, Differenzen über den »Gazafriedensprozess« zu besprechen. Vielmehr wird Netanjahu auch darauf drängen, den Krieg gegen Iran, der am 26. Juni durch einen nicht formalisierten Waffenstillstand unterbrochen wurde, mit Beteiligung der USA oder wenigstens mit stillschweigender Billigung Trumps möglichst bald wiederaufzunehmen.

Um auf dieses Ziel hinzuarbeiten, machte Netanjahu schon wenige Tage nach Abbruch des »Zwölftagekrieges« im Juni eine außergewöhnlich lange Visite vom 7. bis zum 10. Juli in Washington. Dabei warb er öffentlich für ein 60-Tage-Ultimatum: Sollte es in dieser Frist nicht erreicht werden, Iran in »Verhandlungen« zum Verzicht auf sein Atomprogramm zu zwingen, werde dieses Ziel »auf andere Weise erreicht werden«. Man braucht weder Insider noch Rechenkünste, um zu erkennen, dass es Israels Premierminister damals nicht wirklich gelang, Trump für diese Idee zu gewinnen.

Dass Netanjahu bei seinem zweiten Anlauf am 29. Dezember vor allem mit Irans Raketen argumentieren und diese als ernste Gefahr für die gesamte Menschheit, besonders aber für die »Interessen« der USA im Nahen und Mittleren Osten darstellen wird, lässt sich leicht voraussagen, weil es nicht nur logisch, sondern auch dutzendfach öffentlich verkündet wurde. Nach israelischen Angaben, die jedenfalls wohl nicht bewusst falsch sind, schossen die iranischen Streitkräfte während des Kriegs im Juni 530 ballistische Raketen und 1.100 Drohnen gegen Ziele in Israel ab. Mehr als 50 Raketen hätten die Luftabwehr überwunden und seien in Israel eingeschlagen, davon 36 in bebautem Gebiet. Die relativ langsam fliegenden iranischen Drohnen haben zwar niedrige Produktionskosten und sind im frontnahen Einsatz so effektiv, dass die USA sie jetzt nachbauen, aber taugen nicht als Langstreckenwaffe. Nur eine einzige erreichte während des »Zwölftagekrieges« israelisches Gebiet, die übrigen wurden vorher abgeschossen.

Die ballistischen Raketen, von denen Iran vor dem Krieg angeblich zwischen 2.000 und 2.500 Stück besaß, sind die einzigen Waffen, von denen das Land sich eine gewisse militärische Abschreckung erhoffen kann. Dementsprechend ist es die öffentlich erklärte Absicht der Führung in Teheran, nicht nur die frühere zahlenmäßige Stärke wiederherzustellen, sondern die Raketenproduktion deutlich zu steigern. Offizielle Zahlen gibt es dazu jedoch nicht, außer dass allgemein von großen Erfolgen gesprochen wird. Unter Berufung auf nicht identifizierte »Regierungsvertreter in Washington« und »eine mit den israelischen Plänen vertraute Quelle« behauptete CNN am Sonnabend, Iran könne »bald« eine Jahresproduktion von 3.000 Raketen erreichen. Dies durch Angriffe auf die dezentral verstreuten, rund 30 Fabriken zu verhindern, sei jetzt das Hauptziel der israelischen Kriegspläne. Trump seinerseits hat mehrfach gedroht, Irans Raketen »ganz schnell auslöschen« zu können, wenn das Land die Produktion erneut anfährt.

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