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Die Not der Expiraten

Von Pierre Deason-Tomory
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Beliebte Sitte in Japan: Einfach mal spurlos verschwinden

Dem Wiener Freien Radio Orange 94.0 droht das Aus. Die Stadt Wien hat ihre Zuschüsse für 2026 auf 170.000 Euro halbiert und für 2027 ganz gestrichen, meldete die junge Welt in der Vorwoche. Orange 94.0 benötigt die städtischen Gelder nicht zuletzt als Kofinanzierungsanteil, um eine Förderung aus dem Nichtkommerziellen Rundfunkfonds (NKRF) zu ermöglichen, diese betrug 2024 noch rund 390.000 Euro. Geschäftsführerin Ulli Weish nennt die Konsequenzen »verheerend«, der Sender müsse 2026 einen Großteil der Mitarbeiter entlassen. Für den Fall, dass nicht bald Ersatz für die städtische Förderung gefunden wird, kündigte sie für 2027 die Einstellung des Betriebs an.

Die Nachricht beleuchtet ein Dilemma, vor dem viele Freie Radios stehen. Sind sie von Zuwendungen einer Stadt oder eines Bundeslandes abhängig, droht jederzeit der Kahlschlag durch rechte Kulturkämpfer oder neoliberale Erbsenzähler. Und für den Fall, dass die Gelder noch fließen, steht die redaktionelle Unabhängigkeit des Senders gegenüber der Politik in Frage. Das kommt daher, dass seit den 1970ern das natürliche Fundament der Freien Radios erodiert ist. Es bestand aus starken sozialen Bewegungen, die Ressourcen zur Verfügung stellten, und Journalisten, die dazu bereit waren, sich mit Armut für ihr Werk bezahlen zu lassen. Was da zu tun wäre, liegt auf der Hand.

Programmvorschläge: Im Feature »Provinzjugend – eine Suche« schnüffelt Tobias Siebert im Muff seiner Heimat herum, der »Mähdrescherstadt« Harsewinkel im schrecklichen Ostwestfalen (MDR 2025, Di., 20.04 Uhr, MDR Kultur). In der nicht minder schrecklichen Uli-Hoeneß-Stadt Ulm wurde im Dezember 1925 Hildegard Knef geboren, die einzige echte Diva der allerschrecklichsten Bundesrepublik; ab Mittwoch läuft in zehn Teilen ihre selbstgelesene Autobiographie »Der geschenkte Gaul« (Roof Music 1999, 9.04 Uhr, MDR Kultur).

Unlängst ist »Stories 2« von Joy Williams auf deutsch erschienen, daraus liest in den »Radiogeschichten« Silvia Meisterle (Do., 11.05 Uhr, Ö 1). In der vierteiligen »Chronik einer Abschiebung« wird eine jesidische Familie von realer »Remigration« bedroht (RBB 2025, Do., 20.30 Uhr, DLF). »Um zwölf Uhr mittags ist Zukunft. Zeit zum Essen« heißt die jüngste Produktion des außergewöhnlichen Theater-Hora-Ensembles aus Zürich (BR 2025, Ursendung, Fr., 20.03 Uhr, Bayern 2).

Über die in Japan verbreitete Sitte, spurlos von der Bildfläche zu verschwinden, wundert sich Andreas Hartmann im Feature »Jōhatsu in Japan – Wenn Menschen verdunsten« (DLF, ORF, SWR 2025, Sa., 18.05 Uhr, DLF Kultur, So., 20.05 Uhr, DLF). Das Streben, für die Kunst zu sterben, wird gewaltig missverstanden im Hörspiel »Die Unterrichtsstunde« nach Eugène Ionesco (SRF 1958, Sa., 20 Uhr, SRF 2 Kultur). Die ARD-Kulturradios bringen die im Frühjahr in Wiesbaden aufgezeichnete Bizet-Oper »Les pêcheurs de perles«, die das belgische Regiekollektiv FC Bergman in ein Altenheim verlegt hat (Sa., 20.03 Uhr, BR Klassik, HR 2 Kultur, NDR Kultur, Radio 3, SR Kultur, SWR Kultur, WDR 3). Und HR 2 Kultur das Hörstück »Brucknermaterial. Karambolagen« (HR 2025, Sa., 23 Uhr, HR 2 Kultur) des Kollegen Florian Neuner.

Auf Hamburg-St. Pauli handelt das »wehrkraftzersetzende« Drama »Große Freiheit Nr. 7«, das Frank Grupe ins Niederdeutsche übertragen hat (NDR, RB 2004, So., 18.05 Uhr, Bremen Zwei). Die »Wutpilger-Streifzüge« begehen anhand der damaligen Untergrundzeitschrift Caligo den »Surrealismus in der DDR« (So., 19 Uhr, Radio Corax), und ein zweiteiliges »Zeitfragen-Feature« hinterfragt das Kinderelend, das hinter dem Begriff »Inobhutnahme« zum Vorschein kommt (Mo., 19.30 Uhr, DLF Kultur).

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