Ein altes Haus in Oslo
Von Wolfgang Nierlin
Nach einem Panoramaschwenk über Oslo und einen Friedhof heftet sich die Kamera an die farbige Fassade eines Holzhauses. Dringt förmlich in sie ein. Dazu erklingt perlend leicht und melancholisch »Dancing Girl« von Terry Callier. Im Haus hat sich die Trauerfamilie Borg versammelt, die hier seit Generationen wohnt. Als Schauplatz schwelender, unbekannter Familiendramen öffnen und schließen sich die Räume. Die Wechsel von innen und außen, von Ein- und Ausblicken, machen das Haus gewissermaßen zum Protagonisten und zum Zentrum der Geschichten. Einst hatte die Sechstklässlerin Nora aus der Perspektive des angeblich absinkenden Hauses einen Schulaufsatz geschrieben, eine »Momentaufnahme des Zusammenbruchs«. Denn nach der Trennung der Eltern war der Lärm der Streitereien einer beunruhigenden Stille gewichen. Jetzt, als Erwachsene, trauern die Schwestern Nora (Renate Reinsve) und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) um ihre verstorbene Mutter, eine Psychotherapeutin, als plötzlich und unerwartet ihr Vater Gustav Borg (Stellan Skarsgård), ein angesehener Filmregisseur, auftaucht.
Der gebürtige Schwede versteht sich als kompromissloser Künstler alter Schule, dessen Unabhängigkeit und persönliche Freiheit nicht verhandelbar sind. Für seine »Filmfamilie« hat er einst seine leibliche Familie verlassen, was vor allem bei seiner ältesten Tochter Nora, heute eine gefeierte Theaterschauspielerin, tiefe seelische Wunden hinterlassen hat. Sie ist einsam, leidet unter Beziehungslosigkeit. Nur ihre Schwester Agnes scheint ihr Halt zu geben. Dem Vater begegnet sie betont distanziert und abwehrend. Der will sie für die Hauptrolle in seinem neuen Film gewinnen. Weil Nora zunächst ablehnt, will er das Projekt dann mit einer gefeierten US-Schauspielerin (Elle Fanning) realisieren. Nora weiß da noch nicht, dass der autobiographische Film nicht nur von der traumatischen Kindheit ihres Vaters und seiner von den Nazis gefolterten Mutter handeln soll, sondern auch spiegelbildlich von ihr selbst und ihrer komplizierten Vater-Tochter-Geschichte.
Vielschichtig und komplex erzählt Joachim Trier in seinem Film »Sentimental Value« vom Erbe einer Familie, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. In einer Reminiszenz an Ingmar Bergmans »Persona« werden einmal die Gesichter des Vaters und seiner beiden Töchter ineinander geblendet, als würden sie fortwährend ineinander übergehen, miteinander verschmelzen, um sich dann wieder voneinander zu lösen. Entsprechend verschachtelt ist der Film strukturiert, sowohl zeitlich als auch im wiederholten Wechsel zum Spiel-im-Spiel, womit der dänisch-norwegische Regisseur den Zusammenhang von Leben und Kunst akzentuiert. Dabei geht es ihm darum, im Sinne des Autorenfilms seine eigene Geschichte in Kunst zu verwandeln und sich beim Spielen selbst besser kennenzulernen. Kleine Seitenhiebe auf die Produktionsbedingungen der heutigen Filmindustrie gehören dazu.
Schließlich wird das Haus zur Bühne und zum Filmset und die versöhnende Kraft der Kunst zum Mittel der Verständigung.
»Sentimental Value«, Regie: Joachim Trier, FRA/NOR (u. a.) 2025, 133 Min. Kinostart: heute
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