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Aus: Ausgabe vom 25.08.2025, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Globaler Herrschaftswahn

Kontrolle ist alles

Blackrock-Chef Fink und Roche-Erbe Hoffmann übernehmen Führung des Weltwirtschaftsforums. Danach droht Lagarde
Von Klaus Fischer
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Der weltweit größte »Vermögensverwalter« provoziert Protest auch von Umweltaktivisten (New York, 13.9.2023)

Das Weltwirtschaftsforum (englisch: World Economic Forum, WEF) bekommt neue Chefs: Einer ist Lawrence »Larry« Fink. Der Mann ist US-Amerikaner, hauptberuflich Gründer und Chef des Megafonds Blackrock und in dieser Rolle einer der einflussreichsten Kapitalfunktionäre weltweit. Als Vertreter des »neuen Geldes« – das meiste davon gehört ihm zwar nicht, ist aber seine Verfügungsmasse – steigt Fink jetzt auf die Kommandobrücke des angeschlagenen WEF, um der Superluxusjacht wieder neuen Glanz zu verleihen.

Mit Fink tritt André Hoffmann als ein Vertreter des alten europäischen Geldadels – er ist der Erbe des Schweizer Pharmamultis Roche (früher Hoffmann-La Roche) – aus dem Schatten, um gemeinsam das WEF-Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Beide wollen dem Vernehmen nach das Forum vorübergehend führen. Das war zuletzt arg in Negativschlagzeilen geraten.

Nach internen Interessenskonflikten, die vor ein paar Monaten auch öffentlich ausgetragen worden waren, musste WEF-Gründer Klaus Schwab seinen Hut nehmen und wurde – ebenfalls vorübergehend – durch den früheren Verwaltungsratschef des Schweizer Lebensmittelmultis Nestlé, Peter Brabeck-Letmathe, ersetzt. Aber der Knatsch ging weiter und war zuletzt auf das Niveau einer Kneipenschlägerei gesunken. Eine Menge schmutziger Wäsche wurde öffentlich gewaschen, und der elitäre Lobbyverein drohte zum Gespött des Plebs zu werden. Da griffen die mächtigen Hintermänner ein. Eine Allianz wurde geschlossen, um den Konflikt zu lösen, den Imageschaden zu beseitigen und das WEF wieder handlungsfähig zu machen.

Das war das Forum zuletzt nicht mehr. Schwab und dessen Ehefrau widersetzten sich den Anschuldigungen, die Gegenseite blieb stur – also griffen die Paten des Weltkapitals ein und arrangierten eine »einvernehmliche« Lösung: Schwab bleibt in Rente, wird aber rehabilitiert und ist als WEF-Gründer mit allen Rechten in den Büchern. Die Anschuldigungen – »von Belästigung über Spesenaffären bis zur Einflussnahme auf Rankings« (NZZ) – hätten sich nicht bestätigt. Man habe »kein wesentliches Fehlverhalten« feststellen können, hieß es vom Forum.

Jetzt scheint Ruhe im Schiff einzukehren. Das WEF ist dem globalen Geldadel – und dessen langjährigem Schatzverwahrer Schweiz – wichtig. Im Gegensatz zu Lobbyklubs der Highest Society setzte das WEF auf öffentliche Wahrnehmung und Durchsetzung seiner Interessen. Bekannt durch regelmäßige Treffen – meist im Bündner Luxuskurort Davos – gab sich das Forum gerne als Vorbote einer neuen Zeit mit offenem Anspruch, die Welt zu lenken – und bot auch seinen Gegnern eine Bühne.

Bekannt wurde das WEF auch als Kaderschmiede. Vermeintliche Talente wurden unter der Rubrik »Young Global Leader« (YGL) auserkoren. Als künftige Einflussagenten der Interessen hauptsächlich des US-amerikanischen und westeuropäischen Kapitals waren sie bestimmt, die Visionen der Organisation in ihren jeweiligen Staaten mit Leben zu erfüllen. Das war nicht immer erfolgreich. Ferner kamen zunehmend Zweifel auf, ob die WEF-Scouts tatsächlich die Besten der Besten im Blick hatten. Denn viele YGL erwiesen sich später als Nieten.

Die neue Konstellation in der Führung des WEF kann auch als Machtdemonstration gelesen werden. Fink, dessen Blackrock zuletzt aktiv über 11,55 Billionen (11.550 Milliarden) US-Dollar verfügen konnte, und damit zum Ende des Jahres 2024 den höchsten Wert der Firmengeschichte erreicht hatte, ist kein Spaßmacher. Allein 2024 hatte der Megafonds 641 Milliarden Dollar eingesammelt – die dem Vermögensverwalter zur Vermehrung anvertraut worden waren. Tendenz weiter steigend.

Die Schweizer Pharmariesen Roche und Novartis haben derzeit eher andere Sorgen. Donald Trump hatte dem Land kürzlich Einfuhrzölle von 39 Prozent diktiert – was in Bern, Zürich und Basel Entsetzen auslöste. Vielleicht kann Multi-Billionen-Mann Fink seinem künftigen WEF-Kochef Hoffmann da behilflich sein. Sicher dürfte indes sein, dass das Forum im Sinne Schwabs weiter an einer schönen neuen Welt nach seinem Gusto arbeiten wird.

Apropos Schwabs Genius: Als dessen auserkorene Nachfolgerin auf dem WEF-Chefposten gilt Christine Lagarde. Das können die meisten Menschen durchaus als Drohung auffassen. Die in Frankreich vorbestrafte frühere Ministerin, spätere geschäftsführende Direktorin des IWF und aktuelle Chefin der EZB könnte nämlich ein »wunderbares« Eintrittsgeschenk mitbringen: den digitalen Euro, an dessen Einführung derzeit mit ganzer Kraft gearbeitet wird.

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