Zum Inhalt der Seite

Hintergrund: Geopolitischer Sieg Indiens

Unter den vielen US-Verbündeten in Afghanistan dürfte Indien das einzige Land sein, das die Fortsetzung des zunehmend prekären Afghanistan-Abenteuers mit Enthusiasmus begrüßt. Der indische Ministerpräsident Manmohan Singh hatte sich unlängst während seines Staatsbesuchs in Wa­shington nachdrücklich für den amerikanischen Verbleib und die Eskalation in Afghanistan ausgesprochen. Zugleich spielte Indiens eigene Präsenz in Afghanistan in den Obama-Singh-Gesprächen eine große Rolle. Dabei wurde die einem Bericht des US-Oberkommandierenden in Afghanistan, General Stanley McChrystal, im September geäußerten Bedenken, daß die Ausweitung des indischen Einflusses im Land am Hindukusch kontraproduktiv auf Pakistan wirken würde, rundum verworfen. Statt dessen hat Obama Medienberichten zufolge Premier Singh nicht nur für die indischen Aktivitäten in Afghanistan gedankt, sondern ihm auch deren Fortführung nahegelegt.

Aus der Sicht Washington füllt Indien in Afghanistan ein Vakuum. Es entstand dadurch, daß westliche Unternehmen, Experten und Facharbeiter immer weniger bereit sind, unter desolaten Wirtschafts- und Sicherheitsbedingungen in dem Land zu arbeiten, besonders wenn es sich um schlecht bezahlte und schmutzige Tätigkeiten handelt. »Wir brauchen Indiens Hilfe in Afghanistan«, titelte Forbes Magazine denn auch Mitte November 2009, um den Enthusiasmus Neu De­lhis weiter anzustacheln, auch wenn das (noch nicht) bereit ist, Soldaten zu schicken.

Tatsächlich hat Indien auf Grund seiner historischen Bindungen und kulturellen Affinität zu Afghanistan demonstriert, daß es bei der praktischen Arbeit vor Ort über einzigartige und effektive Möglichkeiten verfügt. Auch vom Volumen her hat es bereits eindrucksvoll zivile Hilfe geleistet. Mit bisher 1,2 Milliarden US-Dollar Unterstützung ist es Afghanistans fünftgrößter Geldgeber. Zugleich hat es viele Projekte in den Bereichen Energie, Medizin, Landwirtschaft und Bildung unterstützt. Sogar Afghanistans neues Parlament wird von einer indischen Firma gebaut, während indische Fachleute afghanische Beamte ausbilden und indische Ingenieure weitgehend unbehelligt im unsicheren Süden an Straßenbauprojekten arbeiten.
Anzeige


Angesichts dieser Erfolgsstory in Afghanistan verhält sich Islamabad noch paranoider als zuvor. Dabei muß sich Indien selbst in Afghanistan nicht besonders anstrengen, um Pakistan zu destabilisieren. Es genügt, daß das westliche Abenteuer in Afghanistan andauert, um im Inneren Pakistans eine selbstzerstörerische Kräftekonstellation herbeizuführen. Allein das bedeutet für Indien bereits einen geopolitischen Sieg.

(rwr)
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 23.12.2009, Seite 3, Schwerpunkt

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!