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Leserbrief zum Artikel Nord Stream 2: Säbelrasseln gegen Russland vom 08.09.2020:

Vorwand gegen »Nord Stream 2«

In den letzten Jahren häufen sich die Anklagen an die Adresse der Russischen Föderation. Sei es die Vergiftung von Litwinenko mit Polonium, die Vergiftung der Skripals, beides in Großbritannien, oder der Abschuss des malaysischen Flugzeuges mit der Flugnummer »MH 17« oder der jüngste Fall, die Vergiftung Nawalnys. Warum wird in jedem Fall unmittelbar die Russische Föderation beschuldigt und behauptet, Putin persönlich habe das alles angeordnet oder zumindest gebilligt? Warum wartet man nicht die Untersuchungen ab? Ich denke, man muss etwas in der Geschichte zurückgehen, um das alles zu verstehen. In der Ära Jelzin war die Russische Föderation, nach dem Zerfall der Sowjetunion, am Rande des wirtschaftlichen und politischen Ruins. Die westlichen Politiker und Konzerne sahen schon die Naturreichtümer in ihrem Besitz. Russland wird als Regionalmacht abgetan. Da kommt ein neuer Präsident, Wladimir Putin, und schafft wieder klare Verhältnisse. Er gibt dem russischen Volk seinen Nationalstolz zurück. Das ist natürlich nicht hinnehmbar für die westliche Wertegesellschaft. Gleichzeitig wird auch die militärische Stärke wiederhergestellt. Also inszeniert man die oben angeführten Ereignisse. Das Ziel: Diskreditierung der Russischen Föderation und besonders seines Präsidenten, Verhängung ständig umfangreicher werdende Sanktionen. Man will das Land in die Knie zwingen. Die Anfragen der russischen Seite, an den Untersuchungen teilzunehmen, werden in allen Fällen ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Warum wohl? Hat man etwas zu verbergen? Wenn die Fakten so eindeutig sind, dann wäre es doch ein leichtes, die russische Seite in die Aufklärung der Vorfälle einzubeziehen.
Kommen wir nun zum jüngsten Fall – den Fall Nawalny.
Nach nun mehr als einer Woche haben die »Spezialisten« der Bundeswehr endlich herausgefunden, womit man den »Kremlkritiker« Nawalny vergiftet hat. Erstaunlich, denn die russischen Ärzte und das Labor haben keine Anzeichen einer Vergiftung gefunden! Dabei haben sie ihre Untersuchungen mit einem Massenspektrometer amerikanischer Produktion durchgeführt.
Für mich stellen sich aber eine ganze Reihe von Fragen: warum erst nach einer Woche? Brauchte man so lange, um die Verantwortlichen im Labor zu überzeugen, was man zu finden hat? Wer die Symptomatik einer Vergiftung mit nervenschädigenden Kampfstoffen (z. B. Sarin, Soman und auch Nowitschok) kennt, stellt sich die Frage, wie Nawalny es geschafft hat, in das Flugzeug zu kommen. Die markantesten Anzeichen einer solchen Vergiftung sind Pupillenverengung, Sehstörungen, Nasen-, Tränen- und Speichelfluss, Schweißausbrüche und Kopfschmerzen. Im weiteren Verlauf kommen Muskelzittern, Atemnot, Erbrechen, unkontrollierter Stuhl- und Harnabgang, Verwirrtheit und Bewusstlosigkeit dazu. Ohne Gegenmaßnahmen droht der Tod durch Atemlähmung oder Kreislaufkollaps. Bei Aufnahme mit der Nahrung (Tee) führen geringste Mengen zum Tod! Was ist denn mit der oder den Personen geschehen, die dieses Gift in den Tee gegeben haben sollen? Hatten die Schutzausrüstung angelegt? Verfügte das verwendete Nowitschok über selektive Eigenschaften und vergiftete nur die Zielperson? Was ist auf dem Flug von Omsk nach Berlin eigentlich getan worden? Weder das Begleitpersonal hatte besondere Schutzmaßnahmen getroffen, noch wurden in der Charite besondere Maßnahmen ergriffen, das Personal zu schützen. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an die Bilder der unter Vollschutz agierenden Personen im Fall Skripal! Welch ein Widerspruch! Warum werden die konkreten Analyseergebnisse nicht veröffentlicht? Angeblich will man die Analysemethoden nicht bekanntgeben. In welchem konkreten Labor wurde die Analyse durchgeführt? Ist es ein international zertifiziertes Labor? Warum wird behauptet, dass nur das russische Militär, d. h. der Staat, über diesen Kampfstoff verfügt? Bekannt ist aber, dass der BND sich in den 90er Jahren Nowitschok besorgt hat, es in Tschechien produziert wurde, die USA und auch Großbritannien über diesen Stoff verfügen. Weiterhin stellt sich die Frage, warum die deutsche Seite bisher nicht auf die Bitte der russischen Seite, ihr die Untersuchungsergebnisse zur Verfügung zu stellen, reagiert. Man verlangt von der russischen Seite umfassende Informationen und das in kurzer Zeit, nimmt sich selbst aber sehr viel Zeit um eigene Ergebnisse zu übermitteln, wenn überhaupt. Auch hier wurde nicht in Erwägung gezogen, die russische Seite in die Untersuchungen einzubeziehen. Vielleicht, weil man etwas zu verbergen hat? Es wäre doch schön, wenn diese Praxis des Ausschließens endlich beseitigt würde. Aber daran glaube ich nicht!
Für mich wird es immer augenscheinlicher, dass ein Anlass gesucht und mit dem Fall Nawalny auch geschaffen wurde, das Projekt »Nord Stream 2« endgültig zu begraben. Es war von Anfang an den US-Amerikanern ein Dorn im Auge, denn damit verringern sich die Chancen, das umweltschädigend geförderte und wesentlich teurere Frackinggas zu verkaufen!
Wolfgang Herzig
Veröffentlicht in der jungen Welt am 16.09.2020.
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