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Aus: Erster Mai, Beilage der jW vom 28.04.2021
Arbeit gegen Kapital

Organisiert euch!

Beispiel Fleischwirtschaft: Gewerkschaft NGG und DGB-Projekt »Faire Mobilität« stärken Belegschaften, oft migrantische Kollegen – mit Erfolg
Von Oliver Rast
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Ist im Klassenkampf unerlässlich: Trotz Risiken kollektiv an einem Strang ziehen. Die Fotostrecke dieser Beilage wirft einige Schlaglichter auf die Arbeitswelt in der DDR der 1970er und 1980er Jahre. Es sind Momentaufnahmen aus unterschiedlichen Industrien und Branchen, zeigen den Arbeitsalltag jener Zeit

Es rumort in vielen Branchen hierzulande. In der Metall- und Elektroindustrie, im Einzelhandel, in der Pflege sowieso. Der Befund ist eindeutig: Kapitalismus heißt Krise – die Lasten tragen Beschäftigte. Exemplarisch dafür steht gleichfalls die Fleischwirtschaft.

Der Protest schien dort lange Zeit aussichtslos, die Macht der Magnaten zu groß. Etwa 160.000 Beschäftigte der deutschen Fleischwirtschaft waren jahrzehntelang nahezu rechtlos, galten gewerkschaftlich als unorganisierbar. Viele von ihnen sind Migranten, wurden als Leiharbeiter in lausigen Massenbuden zusammengepfercht, als Manövriermasse hin- und hergehetzt, zudem mies bezahlt und beim kleinsten Aufmucken nach Hause geschickt.

Vieles davon ist heute noch so, einiges hat sich geändert. Aber nur, weil Betroffene mit Unterstützern gegen diese Zustände gekämpft haben. Seit Januar bzw. April dieses Jahres sind Leiharbeit und Werkverträge verboten. Beschäftigte müssen direkt beim Schlachtbetrieb angestellt sein. So verlangt es das sogenannte Arbeitsschutzkontrollgesetz. Lücken im System indes bleiben, logisch. Unternehmensgesellschaften mit weniger als 50 Arbeitern können weiterhin Leiharbeiter einstellen.

Nach den massenhaften Virusinfektionen bei Werksangehörigen Mitte 2020 gerieten die Schlachtriesen Tönnies, Westfleisch und Vion unter Druck. Schlechte Presse schlägt irgendwann auf das Renommee. Die Fleischbosse sahen sich gezwungen, ihr ramponiertes Image ein wenig aufzupolieren, Arbeitsbedingungen wenigstens partiell zu verbessern. Freiwillig haben sie es nicht getan. Und sie versuchen längst die Uhr wieder zurückzudrehen. Arbeitstage von zwölf, 13, 14 Stunden darf es nicht mehr geben. Auf dem Papier zumindest. Dafür laufen nun die Bänder schneller, um in der Regelarbeitszeit das Doppelte an Arbeitsleistung herauszupressen, berichten Kollegen.

Die Gegenwehr wird stabiler: An vorderster Front steht die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). In Kooperation mit dem DGB-Projekt »Faire Mobilität« organisiert sie Proteste der Belegschaften. Das nächste Ziel ist klar: Schluss mit der Billiglöhnerei. Dazu braucht es Tarifverträge, flächendeckend wirksame und allgemeinverbindliche. Die Barone Tönnies und Co. blockieren, behaupten, mit einem Einstiegslohn von 10,50 Euro brutto pro Arbeitsstunde sei die »wirtschaftliche Schmerzgrenze« erreicht. Es ist das typische Gejammer von Milliardären, die vom produzierten Mehrwert ihrer Malocher leben. Ende März erklärte der NGG-Verhandlungsführer Freddy Adjan die Tarifgespräche vorerst für beendet. Die Kapitalseite bekäme dafür »die Quittung«. Er hat Wort gehalten. Seit April wird seitens der NGG bundesweit in Schlachtbetrieben gestreikt, und sprachkundige Campaigner von »Faire Mobilität« flankieren die befristeten Ausstände mit Infoständen.

»Die Stimmung ist aufgeheizt«, sagte NGG-Pressesprecher Jonas Bohl zu jW. Beschäftigte erwarten, dass etwas passiere, »viele sind streikbereit«. Und sie streiken, auch wenn es immer wieder Einschüchterungsversuche durch Werksleitungen gibt. Dennoch: Gewerkschafter und engagierte Teile der Belegschaften haben in den zurückliegenden Wochen Dutzende Aktionen durchgeführt, ihre Forderungen stark gemacht.

Zugegeben, einfach ist die Organisierung nicht, noch ist Aufbauarbeit zu leisten. Viele der Streikwilligen seien weiterhin von den früheren Sub­unternehmern abhängig, die ihre damaligen Werkvertragsarbeiter bewusst falsch über ihre Rechte informierten, sagte Dominique John, Projektleiter von »Faire Mobilität«, im jW-Gespräch. »Diese Desinformationskampagne konnten wir aber Stück für Stück durchbrechen«, betonte John. Und auch sonst: Im Vergleich zum Vorjahr gebe es deutlich mehr Rückenwind, das Mobilisierungspotential werde spürbar größer. Das bestätigt auch Bohl von der NGG. »Wir gewinnen eine Menge neuer Mitglieder, gerade unter migrantischen Kollegen.« Proletarisch und internationalistisch, nur so kann es gehen. Oder anders ausgedrückt: Organisiert euch! Und das nicht nur in der Fleischbranche.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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