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Aus: Arabischer Frühling, Beilage der jW vom 10.02.2021
Zwischenfazit

Zehn Jahre danach

Wut auf Langzeitherrscher, weltweite Finanzkrise und eurozentrische Sichtweise: Zu den Aufständen im arabischen Raum ab 2010
Von Emre Sahin
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Jegliche Furcht vor den Herrschenden verloren: Demonstrant in Kairo (22.11.2011)

Mohammed Bouazizi konnte nicht wissen, welche Auswirkungen sein Tod auf die Länder im Nahen Osten und in Nordafrika haben würde, als er sich am 17. Dezember 2010 in der tunesischen Stadt Sidi Bouzid selbst verbrannte und am 4. Januar 2011 seinen Verletzungen erlag. Der damals 26jährige Gemüsehändler wollte gegen die anhaltende Schikane und Behördenwillkür durch die Polizei protestieren, die des öfteren gegen ihn und seinen mobilen Marktstand vorgegangen war, der für das Überleben seiner Familie essentiell war. Am 17. Dezember konfiszierten Beamte wegen einer fehlenden Genehmigung Bouazizis Waren und Waage und demütigten ihn öffentlich. Er wollte sich bei der Stadtverwaltung beschweren, doch dort weigerte man sich, ihm zuzuhören. Aus Wut und Verzweiflung übergoss er sich mit Benzin und steckte seinen Körper in Brand.

Noch innerhalb von Stunden begannen am gleichen Tag Proteste in Sidi Bouzid, die in den folgenden Wochen und Monaten Tunis, Kairo und weitere kleinere und größere Städte der mehrheitlich arabischen Staaten erfassten. Die Wut auf Langzeitherrscher – Pharaonen, wie unter anderem Ägyptens Staatschef Hosni Mubarak genannt wurde – war groß. Doch es ging den Demonstranten nicht nur um Namen; sie forderten Brot, Arbeit, politische Freiheit und ein Leben in Würde. Dass die Proteste kurz nach der weltweiten Finanzkrise von 2008 begannen, zeigt nicht zuletzt den Sumpf, den der Kapitalismus weltweit hinterlässt.

Zehn Jahre sind eine kurze Zeitspanne, um die Ereignisse des sogenannten arabischen Frühlings zu bewerten. Sogenannt, weil der Begriff für eine eurozentristische Sichtweise steht, wie Nick Brauns in seinem Artikel darlegt. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die seither gemachten Entwicklungen. Insbesondere in Tunesien, dem Ausgangsland des »arabischen Frühlings«. Sofian Philip Naceur fasst in seinem Beitrag die Situation in dem nordafrikanischen Staat zusammen, der gemeinhin als »Erfolgsmodell« der Zeit nach den Protesten gilt.

Auch nach zehn Jahren muss an die NATO-Aggressionen und die Kriegsverbrechen erinnert werden. Jörg Kronauer gibt einen Überblick über die Interessen und Pläne des Westens, die dieser gemeinsam mit seinen regionalen Verbündeten zu verwirklichen versuchte. In eine ähnliche Richtung geht auch der Artikel von Ina Sembdner. Sie zeigt auf, welche katastrophalen Folgen der Sturz Ghaddafis in Libyen für den Sahel hatte und wie unter anderem Dschihadisten durch ihn profitiert haben.

Letztgenannte sind ein wichtiges Thema dieser Beilage, wurden sie doch von anderen Staaten wie Schachfiguren benutzt, um deren Pläne voranzutreiben. Wiebke Diehl nimmt sich in ihrem Text der »moderaten Rebellen« an. Anand Gopal, Dozent an der Arizona State University, gibt Antworten auf die Fragen, warum islamistische Gruppen während und nach den Protesten erfolgreicher waren als beispielsweise Linke, die die Region zu Zeiten der panarabischen Regierungen dominiert haben.

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