Wieso kürzt man die Hilfe für Schülerinnen und Schüler?
Von Hendrik Pachinger, Nürnberg
Die Stadt Nürnberg will die letzten verbliebenen Schülertreffs zum Ende des Schuljahrs dichtmachen. Die beiden Einrichtungen befinden sich im Süden, dem Teil der Stadt mit der höchsten Dichte an migrantischer Bevölkerung. Gibt es überhaupt einen Ersatz für die Treffs?
Die Schülertreffs sind seit über 20 Jahren Teil der städtischen Jugendarbeit. Ursprünglich gab es sechs Einrichtungen in städtischer Trägerschaft. Sie bieten insbesondere Schülerinnen und Schülern von Mittel- und Förderschulen kostenfreie Unterstützung bei Hausaufgaben sowie pädagogische Begleitung und einen verlässlichen sozialen Treffpunkt im Alltag. Neben schulischer Förderung stehen soziale Kompetenzen, Konfliktlösung und gemeinschaftliches Lernen im Mittelpunkt. Für viele Familien sind die Einrichtungen ein fester Bestandteil des Alltags.
Die Stadt verweist in ihren Mitteilungen auf Angebote wie Jugendtreffs oder Kinder- und Jugendhäuser. Diese können mit ihrem offenen und unverbindlichen Konzept jedoch nicht die enge Betreuung ersetzen, die Jugendliche mit Förderbedarf beim Schülertreff erhalten, wo sie langfristig pädagogisch begleitet werden.
Wenn die beiden Einrichtungen so wichtige Arbeit für junge Menschen leisten, drängt sich die Frage auf: Wieso das Ganze?
Der Schließung liegen die Haushaltskürzungen der Stadt Nürnberg zugrunde. Das wurde sogar in einem Brief der Stadt an die Eltern so gesagt. Im Referat für Jugend, Familie und Soziales sollen 2026 mehr als acht Millionen Euro gekürzt werden. Soviel wie in keinem anderen Haushaltsteil. Mit der Schließung der beiden Schülertreffs erhofft sich die Stadt insgesamt 290.000 Euro weniger Ausgaben pro Jahr.
Die CSU-geführte bayerische Landesregierung setzt seit zwei Jahrzehnten auf den Ausbau schulischer Ganztagsbetreuung. Was ist der Unterschied zum Konzept der Schülertreffs?
Die Schülertreffs stammen noch aus der Zeit vor diesem Ausbau und sind im wesentlichen ein Konzept zur Ganztagsbetreuung. Der begonnene, aber viel zu langsame Ausbau der Ganztagsbetreuung an mehr Schulen wird als ein Faktor angeführt, um die Schließung der Schülertreffs zu begründen. Jedoch unterscheiden sich Schülertreffs von dieser Form der Betreuung dadurch, dass in den Treffs Jugendliche gezielter gefördert werden können.
Von wie vielen Schülerinnen und Schülern werden die Treffs aktuell frequentiert, und was genau wird ihnen dort geboten?
Von der Schließung des Schülertreffs Ambergerstraße sind 20 Jugendliche betroffen. Beim Schülertreff Ritter-von-Schuh-Platz sind es in etwa auch so viele. Eine während der Coronapandemie sinkende Zahl wurde als Vorwand genutzt, um die Anzahl der Schülertreffs zu reduzieren. 2022 wurden deshalb schon Einrichtungen geschlossen. Gleichzeitig gibt es zum tatsächlichen Bedarf unterschiedliche Einschätzungen. Die Bewerberzahlen können durch sich ändernde Sozialarbeiter an Schulen variieren, da dadurch die Kooperation zwischen Schülerteffs und Schulen schwankt und das wichtige Angebot nicht mehr genug beworben wird. Der tagesaktuelle Bedarf ist schwer festzustellen, da Anmeldungen für das kommende Schuljahr trotz Interessenten nicht mehr angenommen werden.
Wie geht es jetzt für Ihre Initiative weiter?
Wir als Initiative von Eltern, Nachbarn und Gewerkschaftern aus dem sozialen Bereich haben uns zusammengeschlossen, um die Schließung nicht unwidersprochen geschehen zu lassen. Wir fordern den Erhalt der Schülertreffs und stellen uns gegen die Kürzungen im Sozial- und Jugendbereich. Mit einer Kundgebung vor der Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 16. April wollen wir unserem Anliegen Gehör verschaffen und auf die Konsequenzen der Fehlentscheidung des Gremiums aufmerksam machen. Darauf werden weitere Aktionen folgen, mit denen wir eine Öffentlichkeit schaffen und den Stadtrat zum Einlenken bewegen wollen.
Miron John ist aktiv in der Nürnberger Initiative »Schülertreffs bleiben!«
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