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Schönheit

Von Helmut Höge
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Die sexuelle Selektion (»­Survival of the Prettiest«) war für Darwin neben der natürlichen Selektion wesentlich für die Entwicklung der Arten. Nun ist der Darwinismus – folgt man einem Witz des Darwin-Bewunderers Karl Marx – bloß eine Übertragung der schlechten Angewohnheiten der englischen Bourgeoisie auf die Natur, so dass man sich fragen darf, wie es bei den Menschen mit dem »Survival of the Prettiest« aussieht. Bei ihnen geht es laut der Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld, die das »Balzverhalten« von Frauen in Discotheken und Klubs erforscht hat, eher zu wie bei den wachtelähnlichen Laufhühnchen, auch Kampfwachteln genannt. »Hier trägt das deutlich größere Weibchen ein Prachtkleid, balzt vor dem Männchen und treibt sogar Vielmännerei«, wie der Tierbuchautor Herbert Wendt schreibt. »Das unscheinbar gefärbte Männchen hockt auf dem Boden und stößt leise, kläglich klingende Töne aus. Die Laufhenne aber rennt im Kreis um den Hahn herum, gurrt und brummt, pfeift und trommelt, trampelt und scharrt mit den Füßen, bis der Hahn ihren Werbungen nachgibt.«

Susan Sontag identifiziert ein »Paradox«: »Schön zu sein macht einen einzigartig, außergewöhnlich. Aber schön zu sein bedeutet auch, einer Norm oder Regel zu entsprechen.« (»Über Frauen«, 2024) Die Moderatorin und Podcasterin Sophie Passmann beschreibt dieses Paradox in ihrem Buch »Pick Me Girls« (2023) so: »Spätestens in der Pubertät wird man mit der goldenen Regel konfrontiert, die zwar nirgendwo geschrieben steht, aber als allgemeingültig gilt: Der männliche Blick ist die höchste Währung.« Das sagte eine selbständige, selbstbewusste Frau, die sich allerdings nicht zu schade ist, mit schönheitschirurgischen Eingriffen ihre Attraktivität zu steigern, um von mehr Männern »gepickt« zu werden.

In ihrer Studie »Was ist sexuelles Kapital« (2021) konstatieren die israelischen Soziologinnen Eva Illouz und Dana Kaplan: »Für eine Theorie sexueller Felder besitzen bestimmte soziale Akteure mehr sexuelles Kapital als andere. Sie befinden sich damit in einer besseren sozialen Position, um mit mehr attraktiven Personen mehr Sex zu haben. Eine solche Konkurrenz um sexuellen Status beruht auf kollektiven Schemata zur Bewertung sexueller Attraktivität, die von den Beteiligten in diesem Feld geteilt werden.« Früher sprach man etwa von einer »Disco Queen«, die umschwärmt war. Ihre Halbwertzeit war jedoch ziemlich kurz. Heute ist es laut Illouz/Kaplan so, dass »die Sphäre der Sexualität kaum noch von der Sphäre der Produktion zu unterscheiden ist«. Soll heißen, dass die Schönheit immer mehr Anstrengungen verlangt. Das gilt vor allem für junge Frauen mindestens bis zur Heirat und ihrer ersten Geburt. Danach reduzieren oder verlagern sie diese Anstrengungen, die ja einen erheblichen Zeit- und Geldaufwand bedeuten.

In den 1920er Jahren waren diese wohl noch nicht primär auf die sexuelle Attraktivität bezogen, wie Gabriele Tergit in ihren »Berliner Reportagen« (»Atem einer anderen Welt«, 1994) schreibt: »Das Sichzurechtmachen, wie es in Berlin heißt, ist ja heutzutage keine Sache der Koketterie mehr, geschieht nicht, um einen reichen Mann zu finden, wie in früheren Zeiten, sondern seidene Strümpfe und gewellte Haare sind Waffen im Lebenskampf geworden. Überall haben es die Hübschen und Gepflegten leichter. Die Hübsche verkauft mehr, der Hübschen diktiert der Chef lieber, von einer Hübschen wird lieber Unterricht genommen und lieber ein Hut bestellt. Das ist grausam. Aber es ist so.«

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  • Leserbrief von B. Krumm (8. April 2026 um 12:02 Uhr)
    Na ja, Herr Höge, nicht so richtig ernst, gelle. Wenn Schönheit so ein Trumpf wäre, warum werden wir dann von solch hässlichen Menschen regiert? Warum krieg ich massive Aggressionen, wenn ich Heidi Klum halb nackt an der Bushaltestelle sehe, statt ins Kaufhaus zu rennen und mir ihre neueste Schlüppi zu kaufen? Die Libido dagegen geht in den Darkroom mit schlafmaske. Warum tut mir ihre Tochter leid? Warum gefallen mir Warzenschweine? Nee, nee, ich bestreite nicht, dass es so einen Algorithmus gibt, der uns symmetrische, wohlproportionierte Gesichter bzw. Körper schön finden lassen kann. Trotzdem hab ich vor langer Zeit mal Gysi gewählt! Regine Hildebrandt entsprach, glaub ich, auch nicht komplett dem gängigen Schönheitsideal und war zu recht äusserst beliebt. Dass »uns« der fette Helmut 1990 übernommen hat, tut mir allerdings bis heute weh. Diaspora ohne verreist zu sein. Bei söder, Hofreiter, Weidel oder Weimer sorgt meine Fremdscham für Angst vor Psychosomatik. Für Depressionen ist dieses Pack in jeder Hinsicht ein Katalysator. Sonneborn und Berg find ich allerdings nicht unsexy. Zum glück sind sie bei einer sehr guten Partei. Das Sehorgan ist für diese billige Plastewelt definitiv ein schlechter Selektor! Zumindest in der Stadt. Der Bärlauch dagegen steht wieder sehr schön im Wald dieses Jahr.

Regio:

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