Eine Mauer zwischen Arm und Reich
Von Christian Selz, Kapstadt
Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten: Um Überfälle auf Autofahrer entlang der Stadtautobahn zwischen Flughafen und Zentrum zu verhindern, will die Verwaltung der südafrikanischen Metropole Kapstadt eine neun Kilometer lange Barriere errichten. In etlichen Fällen war es dort in den vergangenen Jahren zu brutalen Attacken mit Ziegelsteinen und Waffen gekommen. Während Bürgermeister Geordin Hill-Lewis von der wirtschaftsliberalen Democratic Alliance (DA) zugleich auf den Schutz von auf dem angrenzenden Grünstreifen spielenden Kindern verweist, kritisieren Anwohner, dass soziale Probleme durch die Mauer versteckt statt gelöst würden.
Der Aufschrei war groß, als die Pläne Ende vergangenen Jahres publik wurden. Von einer »südafrikanischen Berliner Mauer« sprach Ndithini Tyhido, Fraktionsvorsitzender des African National Congress (ANC) im Stadtrat. Seine Partei, in Kapstadt nur Opposition, hatte Südafrika bis 2024 allein regiert. Nach dem erstmaligen Verlust der absoluten Mehrheit ist der ANC nun stärkste Kraft in einer »Regierung der Nationalen Einheit«, die neben Hill-Lewis’ DA als zweitstärkster Parlamentsfraktion noch acht weitere Parteien einschließt. Vor den landesweiten Kommunalwahlen, die Ende dieses Jahres abgehalten werden sollen, nutzen beide Lager jede Gelegenheit, ihr Profil zu schärfen.
Für Hill-Lewis, der sich gerade anschickt, den Parteivorsitz der DA zu übernehmen, gilt das im Besonderen. So lässt sich auch erklären, dass das Stadtoberhaupt nach ersten Beschwichtigungsversuchen mit Verweisen auf vorgebliche Vorteile für die verarmten Gemeinden entlang der Autobahn kräftig an der Eskalationsschraube drehte. »Wir geben nichts auf das Gehabe und die Selbstdarstellung von denen, die uns dazu drängen wollen, mit Kriminellen Händchen zu halten«, polterte er in einer virtuellen Stadtratssitzung Ende März und legte offensichtlich in Richtung des ANC nach: »Wir können verstehen, warum genau diese Leute wollen, dass wir lasch gegen Kriminalität sind, weil sie selbst aus einer kriminellen Vereinigung kommen, die sich als politische Partei tarnt.«
Aus dem, was er nicht sagt, wird klar, um wen es hier am allerwenigsten geht: die Bewohner der Armenviertel. In Südafrika, dem Land mit der weltweit schärfsten Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen, bildet Kapstadt die Hochburg der sozialen Gegensätze. Während sich die DA-Stadtverwaltung damit brüstet, in den Villen- und Mittelstandsvierteln für eine funktionierende öffentliche Infrastruktur zu sorgen, versinken die Townships der Armen in Gewaltkriminalität. Die Mordraten sind die höchsten im ganzen Land.
Mit den Problemen konfrontiert, verweist Hill-Lewis auf die Krise und Lähmung des von Korruptionsskandalen erschütterten nationalen Polizeidiensts South African Police Service (SAPS), über den seine Behörde keine Verfügungsgewalt hat. Um die Lücken zu füllen, müsse die Stadt mehr Geld für eigene Sicherheitsbehörden ausgeben. Wenn es einen kompetenten und gut ausgestatteten SAPS gebe, »wären wir vielleicht in der Lage gewesen, viel von diesem Geld für andere dringende Prioritäten zu verwenden«, so der Bürgermeister. Das gelte auch für die für den Mauerbau veranschlagten 114 Millionen Rand (5,9 Millionen Euro), die im Gesamtbudget der Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole 1,3 Prozent ausmachen. Der soziale Wohnungsbau läuft dagegen weiter schleppend. Seit dem Ende der Apartheid 1994 sind in Kapstadt auch in all den Jahren ohne Mauerbau nahezu keine Sozialwohnungen in Innenstadtnähe entstanden, und Millionen Menschen leben seit Jahrzehnten in Wellblechhütten.
Dieser Anblick soll nun bald den Touristen und Wohlhabenden auf dem Weg vom Flughafen in die Luxusviertel am Atlantikstrand erspart bleiben. Das geplante Bauwerk sei »eine Hommage an Trump und seinen Mexiko-Wall«, kritisierte der Gemeindeaktivist Tauriq Jenkins im Gespräch mit dem südafrikanischen Nachrichtenportal Daily Maverick. Er forderte, die veranschlagten Mittel statt dessen für die Linderung der Folgen der Stadtplanung während der Apartheid bereitzustellen, deren Erbe die Townships an der Autobahn sind.
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